Binnen-I, gender gap und gender character I

Posted on Oktober 22, 2010 von

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Selbstkritisch müssen wir feststellen, dass wir durch unsere wichtige wachsame und kritische klassenfeindbeobachtung die sprachlichen entwicklungen in der avantgarde der proletarischen revolution aus den augen verloren haben. Konkret meine ich den wechsel vom binnen-I zum gender gap in der geschriebenen sprache.

Beim gender gap kommt uns als weitere ausrede zugute, dass dieses wort auch im zusammenhang mit der durch die marxistische sozialwissenschaft bewiesenen wüllkirlichen schlechterbezahlung von frauen verwendet wird, wir also die sprachliche brisanz dieses begriffes zugunsten der soziökonomischen übersehen konnten.

Neue sprachpolitische vorschläge sind wichtig.

Das soll aber nicht mehr vorkommen, großes kohl-indianer-barschel-ehrenwort! Wir verstehen nämlich sehr gut, dass die revolution politisch nicht vorankommt, wenn nicht in allen lebensbereichen regelmäßig andere weibliche schweine durch ländliche ortschaften gescheucht werden.

Das binnen-I soll künftig zugunsten des gender gaps ersetzt werden. Erstens ist dies dies eine englische bezeichung für eine sache, die nur in der deutschen sprache vorkommen kann, es verrät also den internationalismus kritischer genderlinguistik besser als das rein-deutsche wort “binnen-I”. Es besteht sogar die hoffnung, dass der sexualartikulative wert des gender gaps von den englischsprechenden anerkannt und revolutionär übernommen wird. Das binnen-I hat in der hinsicht total versagt, wie der blick in beliebige aktuelle englische spracherzeugnisse verrät, in denen dieser versuch der sprachlichen geschlechtersensitivität wegen seines deutschtümelnden beigeschmacks bis heute nicht übernommen wurde.

Das binnen-I scheiterte als emanzipatorisches symbol, weil es von der reaktionären elite als militaristisches phallussymbol, ähnlich dieser pershing-II-rakete, umgedeutet wurde.

Zweitens wirkt das binnen-I zu oft als phallusersatz. Gerade wenn –wie es meine linksschreibung ist– substantive klein geschrieben werden, ragt das binnen-I (z.B. bei innenarchitektInnen) heraus wie eine pershing-II-rakete. Patriarchalische aggressionen werden auf diese weise nicht im bewusstsein des männlichen genders reduziert, sondern in wirklichkeit nur auf das weibliche gender mitverteilt. Man kann die sprache aber nicht von patriarchalisch-faschistischen überbleibseln säubern wie man eine küche säubert, nämlich indem man den dreck mit dem wischelement (von rassisten “lappen” genannt) einfach verteilt. Deswegen muss das aggressionsdiffusive binnen-I verschwinden.

Drittens transportiert das binnen-I einen überholten geschlechterdualismus. Das unterdrückungssystem aus kapital und patriarchat brauchte die künstliche bipolare geschlechterdifferenzierung, um die herrschenden von den beherrschten zu scheiden. So wurde dort das männliche geschlecht konstruiert, dass nur die herrschenden patriarchen haben (z.b. maggy thatcher, golda meir, elisabeth I. und II., zarin katharina und die eunuchen für das himmelreich), und das weibliche geschlecht der beherrschten arbeiter_innenklasse. Dieser geschlechtsdualismus und in folge davon die miktionale diskriminierung wird sogar in der luft mit brutaler gewalt durchgesetzt. Wird diese sexustusche unterscheidung durch einen sprachinduzierten bewusstseinswandel aber aufgehoben, dann bricht auch eine säule des kapitalistischen überbaus zusammen und es gibt weniger kriegstreiberei, ausbeuterei, kartoffelbrei und hühnerei.

Viertens bietet die art und weise, wie das gender gap gefüllt wird, neue sexualartikulative möglichkeiten, die der gesellschaftlichen entwicklung förderlich sind. Bekanntlich bestand sprache im urkommunismus hauptsächlich aus vegetativen grunz- und quietschlauten. Erst die ausformung von herrschaftsstrukturen begünstigte die entwicklung komplexerer sprachmechanismen. Diese strukturen trieben aber auch die autoritäre sprachkastration voran, so dass heute viele gar nicht mehr denken können und dürfen, wie sexualartikulativ alltagssprache sein kann und sein soll, wenn wir nicht uns in unserem vollgeschlechtlichen menschsein selbst verneinen wollen.

Ein beispiel ist die “don’t ask don’t tell”-doktrin des us-militärs. Bislang müssen die angehörigen der us-streitkräfte ihre sexuelle identität verleugnen, als könne man im biwak, beim maschinenwarten oder im gefecht einfach so vermeiden, über seine sexualität zu reden oder als könnten vorgesetzte ihre untergebenen führen, wenn sie nur über ihre fachlichen aber nicht sexuellen qualifizierungen bescheid wissen dürfen. Aber auch das totschweigen der sexuellen identität ist sexueller missbrauch! Die unterdrückten sexuellen bedürfnisse führen dann zu aggressionen im interesse des imperialismus, also führt sexuelle unterdrückung zu internationaler unterdrückung. Ganz anders sähe es aus, wenn man je nach sexuellem selbsterfahrungsstand des besprochenen personenkreises von soldat_innen, soldat!innen, soldat?innen, soldat+innen, soldat§innen, soldat%innen, soldat=innen, soldat~innen und soldat@innen reden und schreiben könnte.

In zusammenarbeit mit dem steuerfinanzierten institut für queertheoretische sprachforschung (vormals friedrich-engels-institut für marxistische sexuallinguistik) unter leitung von prof. wilhelm bückreich werden wir demnächst diesen ansatz der füllung des gender gaps, den gender character, mit vielen beispielen ins bewusstsein bringen. Wir werden damit dieses dokument der universität graz an geschlechtssensitiver formulierungskunst übertreffen und einen wichtigen beitrag zu den überlegungen der Berliner assoziation für theorie und praxis (hier vor allem die diskussion am ende der seite beachten) leisten.

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