Rezension: “Beim nächsten Mann wird alles anders”

Posted on Januar 31, 2011 von

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eva_heller

Literaturkritik ist die notwendige voraussetzung für gesellschaftskritik! Deswegen hat ein ganzheitlich revolutionäres autor_innenkollektiv immer automatisch auch einen litaraturkritischen arm. Bei uns ist es der zirkel schreibender arbeiter_innen. Heute haben wir uns einen emanzipatorischen frauenroman vorgenommen, der beim Fischer Verlag in der reihe “Die Frau in der Gesellschaft”verlegt wurde. Die vor drei jahren verstorbene autorin Eva Heller war soziologin und psychologin, was schon mal eine gute vorbildung für eine intellektuelle andeutet. Wir möchten heute betrachten, ob und warum ihr buch “Beim nächsten Mann wird alles anders” einen lesenwerten roman darstellt, der unseren leser*innen anstösse gibt, zu hinterfragen.

In dem roman geht es um die in einer  miefigen niedersächsischen kleinstadtfamilie aufgewachsene filmwissenschaftsstudentin Constanze Wechselburger, die –sowohl intellektuell wie auch sexuell begleitet durch ihren dozenten gottfried schachtschnabel– in der ichperspektive um eine individuelle und emanzipierte lebensgestaltung im abgrenzung zu den sie umgebenden befürwortern bürgerlicher lebensentwürfe ringt. Das buch wird gemeinhin als satirisch aufgefasst und viele feministische aktivist*innen sollen über dieses buch ehr verärgert gewesen sein, aber unsere interpretation ist anders. Wir sehen dort die subtile form des scheiterns aller fortschrittlich denkenden akademischen menschen beschrieben, die eben nur fortschrittlich denken und die revolutionäre praxis hinter der theorie zurückstehen lassen. Sie stehen in letzter konsequenz der dialektischen auflösung der widersprüche zwischen ihren alltagssorgen und der eigentlich viel dringenderen notwendigkeit der behebung aller gesellschaftlicher misständen hilflos gegenüber. (Blubber.) In diesem sinne scheitern fast alle handelnden personen in diesem buch.

Woran machen wir diese these fest? Die bisherigen kritiker?innen des buches waren unaufmerksam in der beachtung von wichtigen hinweisen. Im 22. kapitel sagt Constanze: “Theorie und Praxis sind eben zweierlei.” Damit schiebt sie die verantwortung für die zustände, die letzten endes alle menschen drangsalieren, von sich. Natürlich sind theorie und praxis zweierlei, aber der engagierte revolutionär lässt es nicht dabei bewenden sondern verknüpft beides! Das positive gegenbeispiel dazu ist die band “Friede den Hütten”, die in diesem buch den positiven helden darstellt, wie er in jedem werk des sozialistischen realismus vorgeschrieben ist. Mit extrem lauter punkmusik spielen sie auf einem alternativen strassenfest. Sie sagen von sich selber, als sich eine frau von pro familia über die lautstärke beschwert:

“Wir! kämpfen für die Integration! Von Alte! Und Ausländern! Und du meckerst!”

Erst als Constanze Wechselburger bei dem bestellein einer bratwurst nicht verstanden wird, versteht sie:

Natürlich: nonverbale Kommunikation –das war’s! Die meisten Alten waren ohnehin schwerhörig und die Ausländer verstanden sowieso nichts. Es war nur logisch, daß “Friede den Hütten” so laut spielte. Die Sprache ist seit je eines der subtilsten Herrschaftsinstrumente der herrschenden Klasse gewesen.

Aber sie versteht nicht genügend, nämlich dass sie dem beispiel der band folgen muss und ihre revolutionäre erkenntnis zu revolutionären taten kommen muss. Deswegen hechelt sie weiterhin den überholten ideal der romantischen zweierbeziehung mit einem mann hinterher, obwohl sie als kritische studentin eigentlich wissen müsste, dass dieses mit der revolutionären praxis selten in einklang zu bringen ist.

Das grosse verdienst von eva heller ist es also, das problem der vereinbarkeit von familie und revolution literarisch anzusprechen. Leider haben das viele ihrer kritiker_innen in den frauenverbänden, an die sich eigentlich ihre literarische kritik gerichtet hat, nicht verstanden. Es ist kein wunder, dass wir bei der verwirklichung des sozialismus noch nicht weitergekommen sind, wenn diejenigen, die ihn eigentlich voranbringen sollten, nicht mal satire und ernst unterscheiden können! Bei unseren blog-leser*innen, die mit der politischen schulung des autor_innenkollektivs dr. hilde benjamin regelmässig ihren politisches bewusstsein schärfen, ist das zum glück ganz anders. In ihren händen wird der roman von eva heller nicht nur ein roman sein, sondern auch eine waffe gegen sexismus, kapitalismus, faschismus, imperialismus, chauvinismus und zionismus.

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