„Birds do it, bees do it“: Vor der Teilung ist nach der Teilung

Posted on Juni 12, 2011 von

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So, wie der Stoffwechsel zum Menschen gehört, und so, wie der Mensch ein Teil der Gesellschaft ist, so gehört auch der Stoffwechsel zur Gesellschaft; das ist ebenso syllogistisch wie wahr. Und da die sogenannte Politik ja auch irgendwie zur Gesellschaft mit dazugehört, genau wie ihr Stoffwechsel, so ist es nur logisch, dass es auch einen „politischen“ Stoffwechsel und einen ideologischen Formwandel geben muss; bürgerliche Gedankenverbrecher würden behaupten, dass die Parallele von sogenannter Politik und Stoffwechsel an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende ist, sondern gerade erst beginnt.

Zum Stoffwechsel gehört die Teilung. Die urkommunistischen Einzeller wissen das seit Jahrmilliarden, die „Links“-Partei indes musste dieses Kapitel des historischen Materialismus in der letzten Woche noch einmal widerholen, obwohl sie ihr Klassenziel per wissenschaftlichem Marxismus-Leninismus längst hätte erreicht haben sollen.

Im selben Maße, in dem ihre historische Rechtsvorgängerin, die USPD, das Produkt einer Teilung ist, nämlich von der Burgfrieden-SPD, gäbe es heute womöglich keine Partei der Arbeiterklasse, weil die KPD ohne die Strukturen der USPD schwer möglich geworden wäre. Dass die KPD der unmittelbare Effekt eines Zusammenschlusses weiterer zuvor geteilter gesellschaftlicher Stoffwechselprodukte war, istnebensächlich, zumal daraus nach dreizehnjähriger Latenz schließlich die Krone des „politischen“ Stoffwechsels blühte: die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (Handelsbezeichnung: „Die Linke“).

Die SED wiederum wird, an dem Tag, an dem ihre Seele gewogen wird, nicht nur die vorübergehende deutsche Teilung als historische Leumundszeugin bei den geschichtsphilosophischen Tribunalen des Weltgeistes auf ihrer Seite haben, sondern vor allem die dadurch erwirkten praktischen Effekte auf den Teil der Menschheit, die leider nicht vollumfänglich durch einen antifaschistischen Schutzwall vor den Feinden aller Klassen und Masse geschützt werden konnte. Es wirkt wie ein Treppenwitz aus dem Museum der Ideologie, dass das Synthese-Produkt SED, Ergebnis der Aufhebung einer vorherigen Teilung, selbst der Synthesis zum Opfer fiel, nämlich dem der sozialistischen Heimat, unserer kleinen DDR, mit jenem Teil des nicht-sozialistischen Auslandes, der einmal als BRD bekannt gewesen ist.

Dieser Zusammenschluss indes ist lediglich der Schatten, den das große, geschichtsphilosophisch bedeutende, den Klassenkampf bewegende Ereignis vorauswirft: Der Zusammenschluss der SED-PDS mit der Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit. Trotz der Namensähnlichkeit handelt es sich beim zuletzt genannten, insbesondere in West-Deutschland beliebten nationalen Sozialismus, um kein Pendant zum Justicialismo des kleinbürgerlichen Indifferenten Juan Domingo Peron; inhaltliche Überschneidungen sind dennoch offensichtlich, etwa im Bereich des außen-„politischen“ Mantras: „Ní yankees ní marxistas – peronistas!“. Dieser Schlachtruf der kleinbürgerlichen Konterrevolution wurde von  bürgerlichen Konterrevolutionären schnell und infam zu „ní yankees ní marxistas – masochistas!“ verfemt, worüber man am Sitz der UNO heute noch lächelt, denn in fast allen anderen Politbüros ist es in letzter Zeit so leer und so still geworden.

Wenn man „Palästinenser“ bloß irgendwie auf Marxisten zu reimen verstünde, könnten die Losungen des Peronismus ganz gewiss auch von Norman Paech, Annette Groth und Inge Höger unterschrieben werden; ganz zu schweigen von Christine Buchholz, Sarah Wagenknecht und Hermann Dierkes, den drei Ehrenvorsitzenden des Oskar-Lafontaine-Fanclubs einer „Links“-Partei, deren Kapitalismus-„Kritik“ zwischen dem frühen Gottfried Feder und dem späten Silvio Gesell oszilliert; da ist man stilecht und bleibt sich treu.

Interessant, dass selbst „Marx is Muss“-Kongressteilnehmer Elmar Altvater den der Brechung der Zinsknechtschaft und der Freiwirtschafts-Esoterik Gesells inhärenten strukturellen Antisemitismus im Jahr 2004 als solchen noch zu erkennen und zu benennen wusste – inzwischen aber nicht mehr? Entweder ist dieser attac!-Aktivposten Altvater seither nicht schlauer geworden – oder feiger.

Das Stichwort lautet hier bekanntlich: verkürzte Kritik der politischen Ökonomie. Sie unterschlägt – meist ebenso willfährig wie zweckdienlich, gelegentlich aber auch nicht aus Bosheit, sondern aus purer Blödheit – dass auch Geld sich unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen in ein knappes Gut verwandelt, das bewirtschaftet werden kann – vor allem aber bewirtschaftet werden muss; das ist in den Hallen der Theorie auch als automatisches Subjekt (Marx) bekannt geworden oder ganz schlicht: als der Zwang, aus einem Euro zwei zu machen.

Von der ideologischen Höhe dieser symptomatischen Verkürzung geht es in direkter Linie weiter zu Heinz Dieterich Steffen, dem ökonomischen Berater Hugo Chávez und Erfinder des „Socialismo XXI“, der in Venezuela, Ecuador und Bolivien gerade Furore macht, nachdem er in der Volksrepublik Cuba in dritter Generation siegreich ist und seine gesellschaftliche Leistungsfähigkeit gerne auch in Nord-Korea unter Beweis stellen würde.

Heinz Dieterich Steffen (von der Uni Bremen) ist der antikapitalistische Kopf, von dem jener Fisch namens Bolivarismus ein Aroma absondert, das übrigens auch Steffens anfallsweiser Co-Autor Noam Chomsky sehr zu schätzen weiß. Als Quelle des Haut-Gouts gibt Steffens eine Rose aus, die er selbst erfunden hat, die sogenannte „Rosa de Peters“: Ein mythisches, quasi-religiöses Symbol, über das man – wenn man wollte – wie über ein Mandala lange meditieren könnte, das aber auf die real-existierende Ökonomie ebenso sinnvoll anzuwenden ist, wie die traditionelle Esoterik aus Tibet.

Für den deutschen Antikapitalismus sehr verdient machte sich übrigens auch Hjalmar Schacht, jener von „Führer und Reichskanzler“ persönlich dekorierte Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Das ist derselbe Hjalmar Schacht, der von seiner Mitgliedschaft in der Partei spätestens seit den Nürnberger Prozessen niemals nichts gewusst haben wollte; was der deutschen Öffentlichkeit im Sinne einer Rechtfertigung und Erklärung in bemerkenswerter Weise entsprach.

Nachdem die Tendenz der kleinbürgerlichen Indifferenten und bekennenden Trotzkisten sich in der „Links“-Partei nun aber in einer Art und Weise zuspitzt, die sich nicht mehr schönreden lässt, und die sich inhaltlich immer weniger von der Fraktion der pazifistischen Glaubenskrieger unterscheidet, von denen man dieselbe Boykott-und-Sanktionen-Propaganda bis auf die dritte Stelle nach dem Komma durchbuchstabiert bekommt, wie von der „Partei“ des „wissenschaftlichen“ Materialismus, nur eben mit deutlich besserem Mobilisierungserfolg, holte der Parteivorstand am vergangenen Mittwoch zum lange erwarteten Befreiungsschlag aus.

Unter der Losung „Gegen Spaltung hilft nur noch mehr Spaltung“ hat sich die „Links“-Partei jetzt Einstimmigkeit verordnet; das ging aber erst, nachdem alle, die nicht derselben Meinung waren – namentlich der Inge-Höger-Fanclub, der in der Bundestagsfraktion „Links“-Partei per Kenntnisstand der „jungen Welt“ die Mehrheit stellt – die Sitzung verlassen hatten. Durch Ausschluss der Mehrheit kam die Einstimmigkeit zustande, die von der im Raum verbliebenen Minderheit seitdem nicht nur als Mehrheitsmeinung, sondern als „einstimmige“ Meinung der „Links“-Partei ausgegeben wird.

Da wird Herr Gysi wohl demnächst nach Hamburg fahren müssen, um durch sein beherztes und persönliches Eingreifen Inge Höger, Annette Groth und Norman Paech von der Udo Steinbach Version eines Fettmilch-Aufstandes abzuhalten, der Mavi Marmara 2.0. Anderenfalls macht „das zionistische Gebilde“ der antizionistischen „politischen“ Dienstfahrt der Linke-Abgeordneten des Deutschen Bundestags einen Strich durch ihre Rechnung, und wir wissen alle, dass ein Mensch wie Herr Gysi sich in seiner Partei so gut wie alles erlauben kann, nur eben nicht, als ein Freund Israels verschrien zu sein; was zudem auch noch ein Part wäre, den bereits Dirk Nebel (FDP) mit seinen „fünf vor zwölf“-Appellen mehr oder weniger erfolgreich für sich reklamiert.

Die Leere daraus ist: Teilung und Synthese gehören zum Stoffwechsel des organischen Staats, der organischen Gesellschaft und mithin jeder organischen Partei; das weiß man nicht nur bei den Grünen. Die Botschaft des Intuitiven, Gemütlichen, Mythischen beherzigen nicht nur die Ökopaxe und ihr Zentralorgan, das sich an die rot-braunen Fanzines ND und junge Welt heranschreibt. Seit die „Links“-Partei der „kritischen Intelligenz“ fast das Atom-Thema weggenommen hätte: Versuchen die Bü90-Grünen nun, per taz der „Linken“ beim sogenannten Antizionismus den antiimperialistischen Rang abzulaufen? Und das alles im Gewande leutseliger Sympathie, zumal die taz zusammen mit ND und junger Welt die Kekschen auf dem „Marx is Muss“ Kongress bezahlt hat.

„Politischer“ Formwechsel  scheint die zwangsläufige Folge des „ideologischen“ Stoffwechsels zu sein. Mit anderen Worten: Nach der Teilung ist vor der Teilung – und vice versa. Das weiß vielleicht nicht jede/r bei der „Links“-Partei, außenstehende Beobachter dieser Volks-Genossen mit flamboyanter „Palästina-Sympathie“ haben es inzwischen aber auf jeden Fall begriffen.

Gegen spalterische Tendenzen würde vielleicht ein freundlicher Hinweis auf die Kassenlage helfen, schließlich läuft die Transferwirtschaft der „Linken“ – der inner-parteiliche „Soli-Zuschlag“ für die West-Verbände – andersrum als im Allgemeinen üblich, nämlich von Ost nach West, und wenn eins die deutsche „Linke“ noch heißer macht, als die finanziellen Verhältnisse anderer Leute, dann ihre eigene Kohle.

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