„uns begann das spiel mit der reitgerte spaß zu machen“ – exklusiv-interview mit ältestem missbrauchsopfer der kath. kirche

Posted on März 12, 2010 von

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im skandal um sexuellen missbrauch an kirchlichen schulen und internaten eröffnen sich tag für tag neue abgründe. mittlerweile wurden beispielsweise auch aus den niederlanden 350 verdachtsfälle bekannt, die zum teil bis in die 1950er-jahre herrschender zeitrechnung zurückreichen.

unser autorinnenkollektiv hatte das thema „knabenmissbrauch in der kirche“ bereits vor einigen wochen einer politischen deutung unterzogen, die auch eine wegweisende revolutionäre debatte zur folge hatte. mittlerweile haben unsere recherchen zutage gefördert, dass auch der niederländische missbrauchsskandal nur die spitze des eisberges darstellt und sich auch in anderen nachbarländern fälle ereignet hatten, die bis dato noch nicht an die öffentlichkeit gedrungen waren und dank der systematischen vertuschung durch die kirchenoberen dem blickpunkt der kritischen medien entzogen blieben.

schlossinternat der blasiusbrüder: schauplatz des grauens für major schloch

die spur führte am ende bis nach österreich, wo die hohe bevölkerungsdichte zur folge hatte, dass im laufe der letzten jahrzehnte jener bevölkerungsanteil, der seinen lebensmittelpunkt unter der erde begründete, im steten wachsen begriffen war. exakt dort konnte bluthilde-ösiland-korrespondentin frau blaschke auch mfs-major a.d. alfred schloch aufspüren, das mit nunmehr 98 jahren älteste opfer systematischen missbrauchs durch katholische geistliche. 

major schloch erklärte sich spontan bereit, dem bluthilde-blog im rahmen eines exklusivinterviews über seinen langen leidensweg rede und antwort zu stehen und hielt in diesem zusammenhang auch mit klaren politischen aussagen nicht hinterm berg. was ja auch schwierig gewesen wäre, da es im nordburgenland, wo wir ihn aufspürten, nicht so viele davon gibt.

major schloch schildert in ergreifenden worten sein trauriges schicksal im knabeninternat der blasiusbrüder zu steinbrunn und wie er gezeichnet von seinen bösen erfahrungen dem aberglauben abgeschworen und sich der aufopferungsvollen arbeit für sozialismus und partei zugewandt hatte.

bluthilde: major schloch, sie…

m.s.: genosse alfred, bitte. und genossen siezen einander nicht. freundschaft, genossin!

bluthilde: freundschaft, genosse! du bist mit 98 jahren vermutlich zumindest bis dato das älteste missbrauchsopfer der katholischen kirche. gibt es dir genugtuung, dass jetzt endlich dieser skandal in seiner gesamten größenordnung zum tragen kommt?

m.s.: nun, genossin, vor der aktuellen debatte und vor allem vor der engagierten berichterstattung eures blogs war mir noch gar nicht in dem maße bewusst, dass ich opfer sexuellen missbrauchs geworden war.

verfremdete darstellung zum schutz des persönlichkeitsrechts: major schloch und ein jugendfreund genießen ihren verdienten ruhestand

bluthilde: moment mal, wie darf ich das verstehen? wurdest du nicht im internat der blasiusbrüder über jahre hinweg von deinen lehrern und älteren mitschülern systematisch gequält und sexuell missbraucht?

m.s.: in der tat hatte ich, nachdem ich – kurz nach dem ende meiner schulzeit – begonnen hatte, mich mit den klassikern zu befassen und in der folge dem aberglauben abzuschwören und mich beim freidenkerverband zu engagieren, die ereignisse bei den blasiusbrüdern als teil der natürlichen entwicklung meiner sexualität betrachtet. auch und gerade als ich mich später mit wilhelm reich zu beschäftigen begann, erschien es mir paradox, dass mir gerade die faschistoide, spießige atmosphäre des miefigen katholizismus ermöglicht hatte, meine sexualität zu entdecken. mir war nur noch nicht klar, dass ich noch nicht vollständig den völlig korrekten klassenstandpunkt gefunden hatte, der es mir ermöglicht hätte, die ereignisse richtig politisch zu deuten und einzuordnen. das kam erst vor ein paar wochen durch die lektüre eures blogs, die mir half, meinen klassenstandpunkt und mein proletarisches bewusstsein zu vollenden und zu veredeln.

bluthilde: so etwas ehrt uns natürlich und unterstreicht die richtigkeit unserer aufklärungsarbeit. aber war dir nicht damals schon bewusst, dass an deiner schule etwas nicht stimmen konnte?

m.s.: sicher war die zeit im internat hart und unmenschlich – in einer kapitalistischen gesellschaft, kurz zuvor noch dominiert von monarchen, die den proletariern das geld stahlen und von priestern, die die schwerter segneten, war auch die schulzeit geprägt von paramilitärischem drill und einer regressiv motivierten aufrechterhaltung von zucht und ordnung. wer seine hausaufgaben nicht in schönschrift ablieferte, dem konnte es passieren, dass er schon mal bei eisigen temperaturen im februar im steinbrunner see beißwütige hechte jagen musste – mit bloßen händen. die erderwärmung war damals ja auch noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. das regiment unter pater budrian war jedenfalls ein sehr hartes.

bluthilde: aber wie erlebtest du dann den sexuellen missbrauch?

m.s.: da eines tages der rohrstab entwendet wurde, der zur bestrafung unbotmäßiger schüler eingesetzt wurde, stieg man auf die reitgerte um. pater budrian und seine mitbrüder führten bei dieser gelegenheit auch die erneuerung ein, dass der delinquent während der bestrafung sein hinterteil entblößen musste. anfangs war das für mich und meine mitschüler ein schock, aber mit der zeit begann uns das spiel mit der reitgerte spaß zu machen und wir bemühten uns regelrecht darum, durch streiche oder aufsässiges benehmen wieder die gelegenheit zu bekommen, den a**** versohlt zu bekommen.

schon zu lebzeiten epikurs wurde in griechenland als der wiege der humanistischen kultur die körperliche ertüchtigung groß geschrieben

auch unser griechischunterricht war – um es mal dezent zu umschreiben – sehr praxisorientiert. das hat uns so gut gefallen, dass wir in unserer freizeit gerne freiwillig für die schultheateraufführung über die zeit des wirkens epikurs probten und gerne dabei einige szenen dazu erfanden, die nicht so im drehbuch standen.

es waren am ende ich und fünf weitere schüler, die im internat der blasius-brüder das hatten, was man heute als coming out bezeichnen würde. wir stellten dann auch die ringermannschaft der schule zusammen, was uns gelegenheit hab, auch abseits der offiziellen trainingseinheiten abends in den schlafräumen zu trainieren – in luftigerer oder ohne bekleidung. hätten pater budrian und seine kollegen uns nicht darauf gebracht, wäre uns unsere schwule neigung vielleicht gar nicht erst bewusst geworden.

da die patres dies aber im rahmen einer heuchlerischen, rückständigen sexualmoral taten und nicht um uns – wie der genosse cohn-bendit, der genosse otto mühl oder die genossinnen von der odenwaldschule – bei der vegetativen enthemmung und überwindung anerzogener bürgerlicher hemmungen zu helfen, war das, wie ich auch bei euch gelesen habe, ein akt des sexuellen missbrauchs. die patres hätten merken müssen, dass uns die poklatschereien sexuell stimulierten und uns entweder über die menschenfeindlichkeit der christlichen sexualmoral aufklären müssen oder die bestrafungen einstellen.

da sie nichts davon gemacht hatten, erhebe ich jetzt entschädigungsansprüche.

bluthilde: hatten sich deine erfahrungen im späteren leben für dich ausgewirkt? warst du traumatisiert?

m.s.: das bleibt jetzt unter uns, aber geschadet hat es mir nicht. schon in den späten 20er-jahren hatte sich im ruhigen hinterland von wien eine erste kleine schwulenszene etabliert, die vor allem durch meine ehemaligen mitschüler und mich zusammengehalten wurde. da waren am ende auch ärzte und anwälte oder künstler dabei, die es damals noch den kopf gekostet hätte, wenn das aufgeflogen wäre.

die engagierte und verantwortungsvolle aufklärungsarbeit des mfs erleichterte fortschrittlichen politikerinnen das tagewerk und inspiriert heute noch teile des kritischen investigativjournalismus

als die faschisten die macht übernahmen, brauchte ich mich auch als schwuler kommunist nicht zu fürchten, denn einer meiner mitschüler war im laufe der zeit zur illegalen nsdap gegangen und viele führende persönlichkeiten in der örtlichen nazipartei und der sa waren warm wie ein backofen und wussten, was ich wusste. so konnte ich diese zeit gut überstehen und nahm sogar aufgaben der vertrauensperson eines blockleiters in meinem heimatort wahr. ich nutzte meine stellung, um die genossen auf linie zu halten. wenn einer der klassenversöhnungspolitik, dem trotzkismus oder dem revisionismus das wort redete, wurde es den faschisten zur kenntnis gebracht, dass sich in meinem beobachtungsbereich ungesetzliche bestrebungen auszubreiten versuchten.

bluthilde: du hattest also bewusst und ohne äußeren zwang genossen bei den faschisten angezündet?

m.s.: nur in ausnahmefällen. jemand musste doch zusehen, dass in der kommunistischen partei nur linientreue genossen wirken, als die sowjetmacht anrückte und der tag der befreiung kam. unter der sowjetadministration wurde ich als abschnittsbevollmächtigter übernommen und wirkte an der herstellung der verteilungsgerechtigkeit mit, als die große demontage der industrieanlagen begann. ich habe ja danach auch noch genossen bei der sowjetischen administration angeschissen, die diversionistische verdachtsmomente offenbarten. das musste einfach sein, zum wohle der partei, denn ihr verdanken wir alles, was wir sind und was wir haben. es müssen immer die leute befasst werden, die – ob bewusst und gewollt, wie im falle der sowjetmacht oder aber unbewusst und ungewollt, wie im falle der faschisten – faktisch in der lage sind, schaden von der partei zu nehmen. und der tschekist muss seine tätigkeit jederzeit so gestalten, dass er sowohl bei den betroffenen einer meldungslegung als auch allen, die allfällige konsequenzen daraus erleben, einen maximalen lerneffekt erzielt.

leider war ja der versuch nicht erfolgreich, im osten österreichs eine volksdemokratie zu errichten, sodass ich in etwa zeitgleich mit den sowjets das land verließ und in die ddr auswanderte, wo ich bis zum zeitpunkt der kapitalistischen restauration auch blieb und das schwert und schild der partei stärkte. in der partei selbst karriere zu machen, wäre verlockend gewesen, aber ich konnte mich innerlich seit der distanzierung der kpdsu zum genossen stalin nicht mehr in allen bereichen mit der linie identifizieren. 

ich habe aber viele verdiente genossinnen persönlich kennen lernen dürfen, sogar kurt hager, harry tisch oder gerhard kellermann.

bluthilde: also die geschichte eines wahrhaften humanisten und aufrechten beschützers der arbeiterklasse…

m.s.: danke, genossin. man tat eben, was man konnte. zu dumm nur, dass ich den sieg der weltrevolution nicht mehr erleben werde, weil die kapitalisten und ihre agenten 1989 noch einmal einen etappensieg verbuchen konnten. dafür kann ich jetzt aber entschädigungsansprüche an die katholische kirche stellen, die würde es ja, wäre die weltrevolution weiter vorangeschritten, in europa nicht mehr geben. aber es wird sie bald tatsächlich nicht mehr geben.

bluthilde: warum hast du am ende die ddr doch verlassen und bist hierher zurückgekehrt?

m.s.: ich konnte den gedanken nicht ertragen, dass die kapitalisten und großdeutschen neofaschisten mein sozialistisches vaterland überrannten. der vom ausland gesteuerte pöbel, der sich ende 1989 auf den straßen versammelte, die verräter, die sich feige verdrückten, nachdem ihnen die ausbildung, die sie in der ddr genossen hatten, alle chancen gegeben hatte – das hätte ich nicht lange überlebt.

hier in österreich konnte ich in ruhe noch meine rente genießen, bevor die kapitalistische klassenjustiz es bemerken und mich dem rentenstrafrecht unterwerfen konnte. außerdem hatte sich hier die sexuelle revolution, die von der kritischen intelligenz ab 1968 in den kapitalistischen staaten in auflehnung gegen deren faschistische führungen und regressive gesellschaftsstrukturen in angriff genommen wurde, wirklich nachhaltig durchgesetzt und wird von fortschrittlichen kräften unterstützt. es ist eine schande, wie leute wie alice schwarzer, die ohne die sexuelle revolution in der küche stehen und kartoffeln schälen müssten, jetzt den genossinnen in den rücken fallen!

ein hort fortschrittlichen denkens: die wiener secession

ab und an mische ich mich noch unter schwule genossen und besuche gerne in wien den swingerclub in der secession, wenn gleichgeschlechtliche abende stattfinden. ein ort von ungemein progressiver austrahlung, ich finde, er wäre der ideale platz für ein mausoleum, das der verstorbenen frauenpolitikerin genossin johanna dohnal errichtet werden könnte.

einmal möchte ich auch noch nekrosexualität ausprobieren, damit ich weiß, welche freude ich einem genossen vielleicht eines tages selbst bereiten kann, wenn dieser auf meine gebeine lust entwickeln sollte.

bluthilde: und was planst du mit der entschädigung anzustellen, die du von der kirche zu erwarten hast?

m.s.: einmal möchte ich noch kuba besuchen. die fortschritte dort erleben, den ungebrochenen sozialistischen aufbau, das gesundheitssystem dort, das unserem noch um lichtjahre voraus ist. das wäre ein krönender abschluss eines proletarischen kämpferlebens.

und von dort aus dem wiederaufbau des sozialismus in deutschland zusehen. mit der revolutionären marxistisch-leninistischen partei der arbeiterklasse und den grünen als sozialistische partei der kritischen intelligenz als deren intellektueller avantgarde haben wir zwei schlagkräftige arme zur verfügung und eine fünfte kolonne in gestalt der politikerinnen, die sich immer noch als teil des demokratischen blocks innerhalb der nationalen front für das demokratische deutschland betrachten.

bluthilde: dann wünschen wir dir eine schöne zeit dort. sollte noch vermögen übrig bleiben, beraten wir dich gerne über die möglichkeiten, unser kollektiv durch vermächtnisse, schenkungen oder testamentarisch zu bedenken. dann kannst du dir auch sicher sein, dass es nicht den kapitalisten oder einem staat in die hände fällt, der sozialistinnen verfolgt.

das couragierte und offenherzige bekenntnis des genossen major schloch sollte allen missbrauchsopfern ein beispiel sein. reden sie mit uns, erzählen sie uns ihre geschichte. zarte bande zwischen den orgelregistern, heiße blicke im beichtstuhl, bizarre hilfestellungen bei den liegestützen im sportunterricht: das alles und noch viel mehr können sie bei uns exklusiv der frau blaschke erzählen!

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