Bluthilde fortan ohne konsequente Kleinschreibung

Posted on April 19, 2010 von

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„Es ist nicht schwer zu begreifen, dass, wenn die Sprache materielle Güter erzeugen könnte, die Schwätzer die reichsten Menschen in der Welt sein würden.“ (J.W.Stalin)

Er war nicht nur unser politischer Lehrmeister, sondern hat uns auch alles über die Kunst des Humors beigebracht. Und selbst dieser war in jeder Situation in seiner politischen Aussage treffend und präzise. Im Kommentarbereich des Mathematik-Beitrages entbrannte eine Debatte, im Zuge derer die wegweisende Funktion des Genossen Koba auch auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften offenbar wurde.

Sozialistischer Schöngeist: der Genosse Koba

Die Kritik von Teilen des Kollektivs an der ursprünglichen konsequenten Kleinschreibung auf dem Bluthilde-Blog verwies auf den genialen Beitrag des revolutionären Führers des Weltproletariats und Klassikers, aber auch Vollenders des Marxismus-Leninismus, den dieser zu Fragen der Sprachwissenschaft verfasst hatte.

Während einige Genossen darauf verwiesen, dass der Genosse Stalin sich im Zuge seiner Analyse nicht explizit zur Frage der Groß- oder Kleinschreibung geäußert hatte, wurde auf der anderen Seite die Auffassung vertreten, der Genosse Stalin würde nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Form seiner Mitteilung zu uns sprechen, und deshalb müsse sich jeder, der abweichend davon die konsequente Kleinschreibung pflege, fragen lassen, ob er noch in der Nachfolge des Genossen stehe oder aber trotzkistischem Formalismus huldige.

Nun ist anzumerken, dass der Genosse Stalin nicht in deutscher Sprache zu parlieren pflegte, sondern in russischer, weshalb sich auf Grund der Unterschiedlichkeiten in der Groß- und Kleinschreibung zwischen den beiden Sprachen kein abschließendes Urteil dahingehend ableiten lässt, dass der Genosse, hätte er auf Deutsch geschrieben, nicht auch zumindest jene gemäßigte Form der Kleinschreibung gepflegt hätte, die der russischen Sprache eigen ist (und wie sie der Genosse politbuerokrat pflegt). Außerdem schreiben ja nicht nur die Klassiker des Marxismus-Leninismus ihre wegweisenden Handreichungen, sondern etwa auch Stephenie Meyer, US-imperialistische Countrymusiker, George W. Bush oder evangelikale Prediger ihre unsäglichen Hetzschriften in herrschender Rechtschreibung.

Auch gab es nachweislich zur Zeit der weisen Führung der werktätigen Massen durch den Genossen Stalin Initiativen zur Reform der Groß- und Kleinschreibung, die durch das ZK der Partei gebilligt wurden. Da, wie wir wissen, die Partei immer Recht hat, hatte sie auch zwangsläufig bezüglich der Reformbedürftigkeit der Sprache auf diesem Gebiet Recht.  

Allerdings konnte sich die damit beauftragte Kommission zu keiner eindeutigen Regelung entschließen. Die Gruppe des Genossen Schtschelkunoff, Rektor des staatlichen Instituts für die schreibende kritische Intelligenz in den Redaktionen der Qualitätspresse, die mit dem nicht unerheblichen Argument aufwarten konnten, dass nach anfänglicher konsequenter Kleinschreibung im Russischen nur die Namen von Angehörigen der Ausbeuterklasse wie Zaren, höheren Beamten oder „Heiligen“ aus dem Bereich des unwissenschaftlichen Aberglaubens groß geschrieben wurden, gab der Genosse Stalin keine Direktive aus, die konsequente Kleinschreibung in der Sowjetunion einzuführen.

Mögen uns die Hände verdorren, ehe wir vom Weg des Genossen Stalin abkommen! Bluthilde nimmt die Mahnungen der bewusstesten Elemente des Weltproletariates und das Erbe der Klassiker ernst

Auf Grund der Weisheit des Genossen und seiner erwiesenen Fähigkeit, diese stets zur richtigen Zeit in der richtigen Weise einzusetzen, hätte man davon ausgehen können, dass er, hätte er die Notwendigkeit hiefür gesehen, den Anregungen des Genossen Schtschelkunoff auch nachgekommen wäre.

In Deutschland gehörte wiederum mit Otl Aicher eine Persönlichkeit zu den führenden Verfechtern der konsequenten Kleinschreibung, die trotz ihrer exponierten Position im öffentlichen Kulturbetrieb immer wieder – obwohl sie Gelegenheit hatten, ihn zu artikulieren –  den klaren Klassenstandpunkt gescheut hatten. Da hilft es auch nichts weiter, dass Aicher, der sein Leben am faschistischen Einpeitscher Augustinus ausrichten wollte – die Olympischen Spiele 1972 grafisch-künstlerisch begleitete, die neben der ihnen innewohnenden, begrüßenswerten Huldigung des heidnischen – und damit der matriarchalischen Urgesellschaft näheren – Gedankenguts auch zum Fanal für den Widerstand der GenossInnen aus Palästina gegen die zionistische Okkupationspolitik wurden.

Wie für den Erzreaktionär im Vatikan, der seit nunmehr 5 Jahren das Ruder in der Katholischen Kirche starrsinnig weiter zurück in Richtung Mittelalter bewegt, gilt auch für Aicher das, was Leapingonardo Lanny PBoffo jenem Erstgenannten im Namen aller fortschrittlichen Kräfte bestellen lässt: Er hätte statt Augustinus lieber Marx lesen sollen.

Auch ist aus dem Argument, die herrschende Rechtschreibung trage zu einem autoritären, hierarchischen Bewusstsein bei, da sie eine willkürliche Privilegierung von Großbuchstaben beinhalte, nichts Entscheidendes gewonnen, da auch im Falle konsequenter Kleinschreibung Strukturen der Ungleichheit verfestigt werden: Immerhin führt auch sie nicht dazu, dass beispielsweise die Buchstaben „a“, „c“ oder „e“ gegenüber „b“, „d“ oder „f“ nach oben hin unter-, gleichzeitig gegenüber „g“, „j“ oder „p“ zusätzlich noch nach unten hin vertikal überprivilegiert bleiben, ohne dass ein dialektischer Grund hiefür aus dem Klassenstandpunkt heraus begründet werden könnte.

In Abwägung aller Umstände und unter Ausschöpfung des Interpretationsspielraumes, den die klaren Worte des Genossen Stalin offenlassen, verpflichten sich alle Angehörigen unseres AutorInnenkollektivs, die bisher die konsequente Kleinschreibung gepflegt hatten, von dieser künftig abzugehen…

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