„Like a troglodyte…“

Posted on Mai 30, 2010 von

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Obwohl wir einen großen Wert auf unsere antideutsche Ausrichtung legen, gibt es Momente, in denen selbst wir versucht sind, Schwarz-Rot-Gold auszuflaggen – wenn auch nicht ohne integrierten Modeschmuck in Form von Zirkel und Ährenkranz als Sinnbild des wissenschaftlichen Weltbilds.

Und so wie Weltmeistertitel in emanzipatorischen Genderdisziplinen wie Frauenfußball oder Frauenboxen, Spitzenleistungen beim Klimaschutz, erste Plätze bei Schulabbrechern oder Sex-Kenntnissen von Jugendlichen, international herausragende Linkslastigkeit in Medien und politischem Mainstream, Weltrekorde bei den Zustimmungsraten zu christophoben, antiamerikanischen und israelkritischen Überzeugungen oder die weltweit dritthöchste Anzahl an inhaftierten Homeschoolern nach Nordkorea und Simbabwe unsere patriotischen Wallungen beflügeln, so war es uns auch gestern eine Genugtuung, als vereinzelte Hupenklänge durch die Bernburger Talstadt bis ins beschauliche Waldau hallten, um den Sieg Lena Mayer-Landruts beim Eurovisions-Grand-Prix zu verkünden.

Trendsetterin: Der Humana-Spenderklamotten-Style der Grand-Prix-Siegerin verdeutlicht, dass die Lage der Staatshaushalte in Europa von den Massen als angespannt wahrgenommen wirdt

Die GenossInnen vom PPQ-Blog haben sich in einer eingehenden Analyse mit dem Phänomen der in ihrer Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt bei Bedarf blank zu ziehen, zwangsläufig an alte Italo-Western erinnernden Trällertante aus Käß-Town befasst und im daran anschließenden Groupthink eine Parallele zu früheren Erfolgsrezepten der italienischen Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-WM herauszuarbeiten vermocht.

Der Hallenser Genosse  spielte dabei sicher auf 1982 an, als Paolo Rossi seine Glanzzeit hatte… wobei die Azzurri bereits in der Vorrunde ausgestiegen wären, wenn nicht Kameruns N’kono im letzten Spiel ausgerutscht wäre und so das 1:1 ermöglicht hätte…

Es liegt nahe, Lena Mayer-Landrut als die musikalische Fassung der Squadra Azzura von 1982 wahrzunehmen, allerdings fehlen bei Lena jene Glanzlichter, die aus der Mittelmäßigkeit ragen wie weiland Rossi beim 3:2 in der Zwischenrunde gegen Brasilien – und gerade das ist für ein strikt dem Ideal der Gleichheit verpflichtetes Blog wie dieses entscheidend, um Erfolge wie jenen Lena Mayer-Landshut äääh Landrut als Sieg des Fortschritts wahrnehmen zu können.

Wenn wir schon bei Vergleichen zum Fußball der 80er-Jahre sind: Lenas Musik ist so anregend und mitreißend wie das damalige Vorrundenspiel der DFB-Elf gegen Österreich in Gijon. Ihre Stimme – die einen hohen Wiedererkennungseffekt hat, wenn man mit gesangstechnischen Glanzleistungen aus der nächstgelegenen Karaokebar oder seines eigenen Kanarienvogels in angeheitertem Zustand vertraut ist – gleicht hingegen eher der rustikalen Spielweise Uruguays in der Vorrunde 1986. Reaktionäre behaupten auch, die Vorstellung, dass solche Musik in Europa mehrheitsfähig ist, wäre so beglückend wie Montezumas Rache, die im Rahmen dieses Turnieres durch die Mannschaftsquartiere schlich. Und exakt Lenas gefakter englischer Akzent hätte Günther Öttinger gefehlt, um bei seiner Antrittsrede als EU-Kommissar als Native Speaker wahrgenommen zu werden…

Der Sieg Lena Mayer-Landruts ist ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Rehellenifizierung unseres Kontinents. Erst war es die antielitäre Spielweise der griechischen Fußballnationalmannschaft, die mit dem Europameistertitel 2004 die Richtung vorgab. Später waren es die Staatshaushalte, die an dieses Level anknüpften. Und jetzt haben wir den singenden Beweis, dass auch in der Populärkultur auf breiter Ebene griechische Verhältnisse Platz greifen. Ein Kontinent zeigt, was Solidarität bedeutet und wählt einen Titel zum Sieger des Eurovisions-Grand-Prix, dessen Niveau jenes der Haushaltspolitik seines schwächsten Gliedes nicht überschreitet…

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