Wir sind Techno!

Posted on August 3, 2010 von

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Angesichts der gegenwärtigen Hetze ist es an der Zeit, uns als Organ der bewusstesten und am meisten gefestigten Elemente innerhalb der intellektuellen Avantgarde der Arbeiterklasse klar auf Seiten der Techno-Bewegung zu positionieren und uns auch und gerade hier mit den geschundenen Massen zu solidarisieren. Dies sage ich nicht nur aus persönlichem Interesse heraus – immerhin ist die größte Rave-Veranstaltung, die es je gab, nach mir benannt worden – sondern vor allem im Interesse des klaren Klassenstandpunkts.

Es ist nicht nur die unsägliche Beschwörung unverstandener Mächte durch die faschistische Hexe Eva Herman – sozusagen das hiesige Pendant von Sarah Palin -, die fehlende Einsicht des noch regierenden Duisburger Stadtoberhauptes Sauerland, dass – auch wenn sich eine antizionistische Widerstandsgruppe nach ihm benannt hatte – selbst in der Schimanski-Stadt ein Adolf genug ist oder dass die mir zu Ehren abgehaltene Parade künftig nicht mehr stattfinden soll. They all got noooooo loooooove!

In den 80er-Jahren wurden Freizeitkultur und Mode noch von dubiosen Eliten aus den USA diktiert - beispielsweise vom Doctor of Style (siehe Bild). In den 90er-Jahren schlug Europa zurück und besann sich endlich seiner Stärken: Einheitsdenken und Konformität.

Das Problematischeste im Zusammenhang mit der Massenpanik bei der Love Parade und der Aufarbeitung der Todesfälle ist, dass sich die fortschrittlichen Menschen von den reaktionären und regressiven Kräften auch noch unsolidarisches Verhalten oder fehlende Anteilnahme zum Vorwurf machen lassen müssen. Zum einen wurde schon im Vorfeld moniert, dass die Genossen Raver auch nach Bekanntwerden der tödlichen Zwischenfälle unbeirrbar an der Durchführung der Veranstaltung festgehalten hatten. Zum anderen mäkeln Diversanten jetzt auch noch an den Besucherzahlen der Trauerkundgebung rum, da diese mit 3.000 im Stadion und 2.000 an anderen Orten etwas unter jenen bei Robert Enke zurückgeblieben waren.

Immerhin sind 3.000 Besucher mehr, als sich zB zu einer durchschnittlichen Demonstration gegen die Faschos von Pro NRW verirren, mehr als zu einem Spitzenspiel der Frauenfußball-Bundesliga gehen und immerhin ein Sechstel all jener Persönlichkeiten, die bislang an der facebook-Aktion 80.000.000 gegen Eva Herman teilgenommen haben.

Wenn Reaktionäre Nazivergleiche anstellen, dienen sie der Verharmlosung. Wenn Fortschrittliche sich ihrer bedienen, offenbaren sie damit hingegen ein besonders ausgeprägtes kritisches Bewusstsein.

Techno ist der Klang der Einheit und Gleichheit der Arbeiterklasse, die bereits in der Musik selbst zum Ausdruck kommen, der Überwindung überkommener faschistoider Vorstellungen von Ästhetik, Harmonie und Alltagskultur und vor allem die europäischeste Musikrichtung, die man sich vorstellen kann. Auf diese Weise ist sie sogar noch fortschrittlicher als die aus der US-Unterschicht, aber dadurch eben auch aus Amerika stammenden Musikrichtungen Hip Hop und Rap, zumal die Leute auf der Love Parade sogar noch weniger an haben als in Gangsta-Videos.

Techno ist das 100%ige Gegenstück zu Country, Blues oder Gospel. Keine Farmer und engstirnige Kleinbürger, die über ihre Pick-Up-Trucks singen oder sich trotzig gegen den Fortschritt an die Werte der heimischen Scholle klammern, keine Maximalpigmentierten, die – ihre Gitarren quälend – rumjammern oder sich gar unmittelbar dem Aberglauben hingeben, statt die gesellschaftlichen Wurzeln ihres Schicksals zu hunterfragen. Auch kein patriotisches Kriegsgeschrei wie im Adult Orientated Rock, der immer wieder gerne als Hintergrundmusik für schreckliche, den Yankee-Imperialismus verherrlichende Machwerke mit Silvester Stallone oder Chuck Norris herangezogen wurde.

Stattdessen revolutionäre Massen, die all jenen in ihnen, die noch in anerzogenen bürgerlichen Denkstrukturen und in daraus resultierenden Hemmungen gefangen waren, diese zu verlassen halfen und das auf diese Weise gewonnene richtige Bewusstsein sogar noch erweiterten – immerhin setzt die Entwicklung des richtigen, sozialistischen Bewusstseins ja bekanntlich die Infragestellung und Überwindung des falschen, (klein)bürgerlichen voraus. Es ist ja auch gut, wenn das richtige Bewusstsein erweitert wird und nicht das beengte noch weiter beengt, wie bei den Kritikern der Loveparade. Selbst die „Junge Freiheit“ vermochte sich der Faszination dieser Bewegung nicht zu entziehen, meinte man doch in jedem Rave die Wiedergeburt des Futurismus erkennen zu können – des Beweises, dass selbst Persönlichkeiten, die sich wie Benito Mussolini aus dem Sozialfaschismus in den nicht mal mehr sozialen zu verirren müssen meinten, deshalb ihre fortschrittliche Gesinnung nicht an der Garderobe abgeben mussten. Nachdem Amerika durch seine ständigen Einmischungen Europa lange daran gehindert hatte, auf dem Wege des Überlebens des Stärkeren herauszufinden, welcher Sozialismus der richtige ist, verbünden sich nun unterschiedlichste sozialistische Bewusstseinsebenen zum gemeinsamen Ruf „Yankee go home!“

Der Aufbau des Sozialismus setzt den Abriss des regressiven Bewusstseins voraus: Bei der Loveparade solidarisieren sich klassenbewusste Raverinnen mit Baustellenarbeitern und entblößen deshalb zu baustellenartigem Lärm ihre Oberkörper

Jedenfalls zielt die Analyse des Genossen Poschard in der kulturell längst von uns übernommenen „Welt“ des ehemals reaktionären Springer-Verlages in die richtige Richtung: Einheit in der Vielfalt, das war auch unser Erfolgsrezept zu Zeiten des antifaschistischen Staates, als jeder einzeln, für sich und auf sich allein gestellt in der Wahlkabine seinen Mann stehen musste, aber der den Raum erfüllende Geist der Nationalen Front ihn dazu brachte, sein Kreuz Häkchen an der richtigen Stelle zu setzen. Was die Loveparade für Deutschland leistete, war das Wichtigste seit der 68er-Revolution. Mittlerweile ist unsere Gesellschaft dadurch so weit emanzipiert, sexuell befreit, von regressiven Einstellungsmustern befreit und auf den richtigen Bewusstseinsstand gebracht, dass sie sich sogar schon wieder einen soliden Antisemitismus leisten kann. Wer so bewusst und freudig die Zombifizierung seiner eigenen Kultur vorangetrieben hat, darf ja schließlich erwarten, dass auch andere dazu bereit sind…

Allerdings darf die Wurzel dieser avantgardistischen Musikrichtung in der europäischen Gewerkschaftsbewegung nicht vergessen werden (und warum zB Schwerin am 1.Mai lange mit der Job Parade bereichert wurde): Techno erinnert in Klang und Rhythmus an das Elend Hunderttausender Werktätiger im Straßenbau, die in der durch menschengemachte Erderwärmung noch verstärkten sommerlichen Hitze mit schweren Presslufthämmern Straßen und Bauwerke aufreißen müssen. Genau aus diesem Grund gehen die Anhänger dieser Musikrichtung zu Musik aufreißen, die auch an Lautstärke an das Original heranreicht. Und dass Frauen auf der Loveparade mit freiem Oberkörper herumlaufen, hat nicht nur – wie es Reaktionäre bedauern – mit einer Zurschaustellung freizügiger Lebenskultur zu tun, sondern ist in erster Linie ein Akt der Solidarisierung mit jenen Straßenbauarbeitern, die dies auch jeden Tag machen müssen.