Bluthildes Direktiven 7 · Die Aufhebung der Familie

Posted on August 17, 2010 von

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Die patriarchale Familie ist die strukturelle und ideologische Reproduktionsstätte aller gesellschaftlichen Ordnungen, die auf dem Autoritätsprinzip beruhen. Mit der Abschaffung dieses Prinzips mußte automatisch auch die Familiensituation erschüttert werden.

Gerade hier enthüllt sich die konservative Funktion der Familienbindung am allerdeutlichsten. Durch die ungeheuer intensiven Familiengefühle wirkt sich eine Bremsung gerade auf den Träger der Revolution selbst aus. Seine Bindung an Frau und Kinder, seine Liebe zum Heim, wenn er es hat, auch wenn es noch so notdürftig ist, … behindert ihn mehr oder minder, wenn er den Hauptakt der Revolution, den Umbau des Menschen, durchführen soll. So wie bei der Heranbildung der faschistischen Diktatur etwa in Deutschland die familiäre Bindung als Bremsung der revolutionären Kraft sich ausgewirkt hatte … so wirkt sich in der Revolution die familiäre Bindung bremsend auf die beabsichtigte Änderung des Lebens aus. Es entsteht ein schwerer Widerspruch zwischen dem Zerfall der Grundlagen der Familie einerseits und der alten, nicht so rasch wandelbaren familiären Struktur der Menschen, die die Familie gefühlsmäßig, und zwar meist unbewußt, aufrechterhalten wollen, andererseits.
Die Ersetzung der patriarchalischen Familienform durch das Arbeitskollektiv stellt fraglos den Kern des revolutionären Kulturproblems dar.

Der Mann oder die Frau geriet mehr und mehr in öffentliche Funktionen; dadurch zerstörte sich der Anspruch der Familie auf das Familienmitglied. Heranwachsende Kinder kamen in die Kollektive. So entstand eine Konkurrenz zwischen den familiären und den gesellschaftlichen Bindungen.

Die Kollektivierung des Lebens ging zunächst von oben mit Dekreten und mit Unterstützung der revolutionären Jugend vor sich, die die Fesseln der elterlichen Autorität zerbrach. Doch die Hemmungen der Familienbindung wirkten in jedem Schritt, den das durchschnittliche Mitglied der Masse zur Kollektivierung hin machen wollte, in erster Linie in Form der eigenen unbewußten familiären Abhängigkeit und Sehnsucht.

Nach den Feststellungen von Marx, die im Kommunistischen Manifest entwickelt sind, ist eine der Hauptaufgaben der sozialen Revolution die Aufhebung der Familie.

Was hier theoretisch aus dem Prozeß der Gesellschaft erschlossen wurde, fand seine Bestätigung später durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Organisation in der Sowjetunion: An die Stelle der Familie begann eine Organisation zu treten, die mit dem alten Klan der Urgesellschaft bestimmte Ähnlichkeiten hatte: das sozialistische Kollektiv im Betrieb, in der Schule, im Kolchos usw. Der Unterschied zwischen dem Klan der Urzeit und dem Kollektiv des Kommunismus ist der, daß jener auf der Blutsverwandtschaft beruht und als solcher auch zu einer wirtschaftlichen Einheit wird; das sozialistische Kollektiv des Kommunismus dagegen besteht aus nicht blutsverwandten Menschen und gründet sich auf gemeinsame wirtschaftliche Funktionen; es entsteht als wirtschaftliche Einheit und führt notwendigerweise zur Bildung persönlicher Beziehungen, die es auch als ein sexuelles Kollektiv kennzeichnen, besser zu kennzeichnen beginnen.
So wie in der Urgesellschaft die Familie den Klan zerstörte, so zerstört im Kommunismus das wirtschaftliche Kollektiv die Familie

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Aus: Wilhelm Reich, »Die sexuelle Revolution«, Teil 2, I. Kapitel: »Die Aufhebung der Familie«