„Rotkäppchen“ — ein beispiel frühstsozialistischer erziehungsliteratur

Posted on August 24, 2010 von

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"Die Tricoteusen der Guillotine auf den Stufen von St. Roche" mit phrygischer mütze.

Wie angekündigt wollen wir hier den revolutionären gehalt des grimm’schen märchen „rotkäppchen“ herausarbeiten. Dieser ist nicht einfach zu erkennen, denn um der rigiden zensur durch den könig von hannover zu entgehen, musste er anders, umschreibender dargestellt werden, als das märchen von den proletarischen massen eigentlich erzählt wurde. Leider hat die arbeit der brüder grimm bewirkt, dass das märchen nur noch in seiner monarchistischen, antirevolutionären version bekannt ist. Beginnen wir der reihe nach.
Rotkäppchen hat im offiziellen märchen seinen namen, weil es am liebsten eine rote kappe ähnlich der phrygischen mütze –eine tracht der damaligen revolutionäre– trägt, die ihm von seiner (alleinerziehenden!) mutter geschenkt worden war, weil das mädchen immer so liebt ist. Das spannungsverhältnis der angeblich geschenkten phrygischen mütze und die angebliche liebe der mutter als repräsentantin des konservativen establishments kritisiert die bürgerlichen erziehungsmethoden, die wohlverhalten mit materiellen gütern erkaufen will. Rotkäppchen trägt zur grossmutter wein (vgl. das zitat „wir predigen wein und trinken ihn auch“ von genosse klaus ernst) und kuchen (vgl. das zitat „wenn das volk kein brot hat, warum essen sie dann nicht kuchen“ von marie antoinette). Wiederum tritt ein spannungsverhältnis auf zwischen der sozialistischen vision eines linksparteiabgeordneten und dem zynismus der königin frankreichs, das zur hinterfragung dieser kombination führt. In diesem fall wird versteckt die unmenschliche rentenpolitik zur zeit der gebrüder grimm kritisiert, die von der monarchie damals genauso getragen wurde wie heute vom neoliberalismus.

Genossin rotkäppchen und die gebrüder grimm lassen hundert blumen blühen!

Die grossmutter konnte nur unter horrenden rentenabschlägen mit 58 jahren aus dem erwerbsleben ausscheiden und musste deswegen den billigen baugrund eine halbe stunde vom dorf entfernt bewohnen. Wegen des fehlens einer staatlichen krankenkasse ist sie später krank und schwach geworden. Das häuschen im wald wird so zu einer falle, denn essen auf rädern gibt es nicht, einzig genossin rotkäppchen und der jäger kämpfen gegen die soziale kälte gegenüber der ausgegrenzten grossmutter. Rotkäppchen sammelt vor dem besuch noch blumen, ein motiv, das die brüder grimm in vorausschau der hundert-blumen-bewegung des grossen vorsizenden mao eingefügt haben, um rotkäppchens streben nach politischer weiterbildung in marxismus-leninismus durch mao bzw. den jäger zu unterstreichen.

Der wolf, eine chiffre für militarismus und ausbeutung.

In der situation ist es kein wunder, dass sie den inhumanen angriffen des klassenfeindes ausgesetzt ist, der im märchen durch den wolf bildhaft dargestellt wird. Der wolf (rechts im bild) wird bis heute von den militaristischen kräften in der nato als leichtes transportmittel benutzt. Die politisch-zoologische polymorphie von raubtieren wird in einem künftigen artikel über marxistische zoologie noch näher betrachtet werden, festzuhalten bleibt aber, dass der wolf in dem märchen eindeutig als gierig charakterisiert wird. Dies erkennt man an dem zweiten teil des märchens, in dem rotkäppchen und die grossmutter einen anderen auf dem dach lauernden wolf durch den geruch von würsten dazu verlocken, den kopf so weit vorzustrecken, dass er in einen wassertrog fällt. Diese episode weist eindeutig auf die selbstzerstörerische gier hin, die dem kapitalismus innewohnt und dem kommunismus den weg ebnen wird.

Gereift durch die politische unterweisung des jägers ist rotkäppchen zum kampf bereit gegen den kapitalistischen wolf.

Die rolle des positiven heldes bleibt in dem sozialistisch-realistischen märchen auch nicht aus: Es ist der jäger. Jäger oder allgemein waldliebhaber zu sein, ist in dem volk, das was von sexualökonomie versteht, ein bild für eine freie, sexuell enthemmte und politisch fortschrittliche person, die sich der bürgerlichen ächtung von der freien wahl der sexuellen orientierung –insbesondere der dendrosexualität— entzieht. Man vergleiche nur das bekannte volkslied:

Ein Jäger aus Kurpfalz
der reitet durch den grünen Wald
er schießt das Wild daher
gleich wie es ihm gefällt
Juja, Juja, gar lustig ist die Jägerei[…]

Der jäger –ohnehin gewohnt, kapitalistische hirsche zu erlegen– rettet nun rotkäppchen und die grossmutter, wie es ein echter held der sowjetunion tun würde. Selbstverständlich vervollkommnet er die proletarische erziehung rotkäppchens und umerzieht die grossmutter, so dass sie den zweiten wolf eigenständig abwehren können. Das versteht jeder, auch wenn die umerziehung so nicht explizit im märchen steht.

Wir vom autorInnenkollektiv dr. hilde benjamin fordern, dass im deutschunterricht diese freien und revolutionären märcheninterpretationen mehr raum gegeben wird. Auch kleinstkinder sollen beim abendlichen mächenvorlesen durch die massenkindergärtnerInnen von der politischen bildung nicht ausgenommen werden! Sozialistischer realismus ist märchenhaft oder lagerhaft!