Frauenfußball-WM: Wo sind die Damenbärte?

Posted on Juni 29, 2011 von

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Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen: So stellen wir uns weibliche Sportlerinnen vor

Hach, wie ist sie schön, die Frauenfußball-WM. Hach, was haben wir alles erreicht! Die Sportpropaganda-Maschine läuft dermaßen auf Hochtouren, dass jeder ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda vor Neid erblasst wäre. Frauenfußball auf allen Kanälen, selbst in der Aktuellen Kamera für Kinder, der KIKA-Sendung „Logo“. Die fortschrittlichen Redakteure dieser vorbildlichen Sendung, wählten zur Untermalung ihrer WM-Berichterstattung das Lied S&M der Kulturschaffenden Rhianna und während diese Textzeilen wie „Sticks and stones / Can break my bones / But chains and whips excite me“ trällert, werden unsere jungen Pioniere über die Tätigkeit unserer Diplomatinnen im Trainingsanzug aufgeklärt. Das Eröffnungsspiel, das nur knapp einem nuklearen Anschlag unter falscher Flagge entgangen ist, der von einem wachsamen Genossen verhindert wurde, gewannen unsere Fußballerinnen überlegen.

Alles gut, oder?

Die Genoss_innen, die beim Lesen dieser Zeilen selbstzufrieden die Internationale gesummt und den roten Wimpel geschwenkt haben, MÖGEN SICH BITTE WIEDER ZUSAMMENREISSEN. Und ihr dämliches Grinsen abstellen. Und im Parteibüro vorstellig werden, aber zack, zack! Es ist nämlich, um Genossin Käßman zu zitieren, gar nichts gut! Und zwar nicht in Afghanistan, sondern hierzulande.

Haben die Genoss_innen Leser eigentlich die Spiele geschaut? Hä? Natürlich haben Sie das, denn das ist ja ihre verdammte Pflicht! Und ist den Genoss_innen Lesern vielleicht irgendwas aufgefallen? Irgendetwas? Dass das ein verdammt müder Kick war, vielleicht? Dass die Genossinnen von der Fußballfront sich in Zeitlupe bewegt haben, vielleicht? Dass der Ballbesitz unter den Kontrahentinnen schneller wechselte als beim Ping-Pong? Dass die sich nicht näher kamen als gleiche Magnetpole?

Weiter muss es den Genoss_innen doch übel aufgestoßen sein, wie die Damen – und in diesem Zusammenhang ist diese Titulierung mal gebührlich – aussahen. Weibisch. Keine Muskeln. Keine breiten Schultern. Keine Fußballerwaden. Kein Damenbart. Nur Pferdeschwänze und taillierte Trikots. Ja sind wir hier auf dem Ponyhof, oder was? Wie Sportlerinnen gemacht werden, das können wir abermals von der Sowjetunion lernen, wenn auch nicht von den Fußballerinnen, mit Sicherheit aber von den Kugelstoßerinnen oder den Zehnkämpferinnen.

Diese verweichlichten West-Schranzen aus dem WM-Kader haben sich sogar im Playboy ablichten lassen. Sexuelle Freizügigkeit ist gut, ja. Aber erstens nicht in einem Imperialistenblatt wie dem Playboy und zweitens, haben sozialistische Sportlerinnen nicht sexuell anziehend zu sein. Was nicht mindestens Oberarme hat wie seinerzeit die Navratilova, gehört gar nicht erst auf den Platz.

Etliche Genossen habe ich gehört, die jubelten, dass 40% der Fußballerinnen in Deutschland lesbisch sind oder dass nur eine Spielerin im aktuellen WM-Kader verheiratet ist. Ja, sind das etwa Quoten mit denen wir uns zufrieden geben wollen? Eine ist eine zu viel. Und nicht nur unserem Team sollte unsere Aufmerksamkeit gelten: Ein Team wie Nigeria, dass alle lesbischen Spielerinnen aus ihrer Elf ausgeschlossen hat, hat selbstverständlich von der WM ausgeschlossen zu werden! Immerhin wird dieser Affront gegen die Weltoffenheit, zu ihrem sportlichen Untergang führen, wie das Frauenfußballportal framba.de weiß. Wir müssen viel  aufmerksamer werden. Nachwuchs kann importiert werden. In der DDR hat man auch den Fehler gemacht, an dem traditionellen Familienbild von Mann und Frau festzuhalten und aus der DDR haben wir verdammt lange nichts mehr gehört, werte Genoss_innen!

Besonders eine Tatsache sollte bei einem wachsamen Genossen dafür sorgen, dass die Alarmglocken schrillen. Die Genoss_innen Apparatschiks haben zwar hervorragende Arbeit geleistet als darum ging die Journalie davon zu überzeugen, schließlich doch gerecht über den Frauenfußball zu berichten, aber wie steht es um die Wirkung auf das Kollektiv?

Warum kann ich eigentlich,  nach einem siegreichen Spiel einer deutschen Nationalelf, völlig unbelästigt von jeder Art Lärm auf meinem Sofa hocken? Wo sind die hupenden Autos? Wo sind die Winkelelemente? Wo sind die gesundheitsschädlich laut trötenden Vuvuzelas? Wo sind die Fan-Meilen, von denen es während des Sommernachtsmärchens in jedem noch so verschlafenem Provinznest mindestens eine gab? Warum wird das Bier nicht knapp? Wo sind die Grillparties? Wo sind Arbeiterinnen, die vulgär rumgröhlendend in Badelatschen am Grill stehen und  mariniertes Gammelfleisch wenden?

Fassen wir zusammen. Aus der Frauen-WM lernen wir zwei wichtige Lektionen:

Erstens: Das verwestlichte, politmüde und internetgeschädigte Volk reagiert nicht mehr in zufrieden stellender Weise auf den Propagandaapparat. Eine äußerst bedrohliche, systemgefährdende Entwicklung und ich rufe hiermit das Parteibüro auf, umgehend zu handeln. Genoss_innen, dort wo der Arm der Propaganda zu kurz ist, muss das Schwert des Zwangs ihn verlängern.

Zweitens: Auf unserem Weg zur Erfüllung unserer Agenda des Gender-Mainstreaming stehen wir noch ganz am Anfang. Erst wenn es den Frauenfußball nicht mehr gibt, haben wir gewonnen. Nichts ist falscher als die Annahme von Sepp Blatter, dass die Zukunft des Fußballs weiblich sei. Die Zukunft des Fußballs ist gemischtgeschlechtlich! Wir haben zwei Möglichkeiten dieses Ansinnen zu verwirklichen: Wir können die Männer verweiblichen – und dieser Weg ist bereits beschritten, wie der reaktionäre Einpeitscher Michael Klonovsky bemerkt hat, sei eine „Verzwergung der Männlichkeit“ im Gang und auch wenn ich die Ansichten dieses Diversanten nicht teile, halte ich diesen Weg für falsch, wirkt er sich doch extrem nachteilig auf die Wehrhaftigkeit unseres Kollektivs aus. Und wer weiß schon, ob wir die in unserem Kampf gegen den imperialistischen Feind, nicht noch einmal brauchen. Eine anständige Revolution kommt nicht umher auch Blut zu vergießen!

Unser Weg kann also nur die Machoisierung der Frau sein. Einige ewig gestrige haben anlässlich der Frauen-WM den ollen Schiller wieder ausgegraben und auch wenn ich als fortschrittlicher Sozialist normalerweise keine toten Dichter zitiere, möchte ich hier eine kleine Ausnahme machen, zeigt es uns doch, was das Weib 1789 noch konnte und nun wieder erlenen muß, damit er kommen kann, der kommende Aufstand:

Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.

Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
…Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.

Sport frei!