WM-Aus: Komplott gegen Genderarbeit muss Konsequenzen haben!

Geschrieben am Juli 9, 2011 von

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AtomicFinger

Mit Betroffenheit und Empörung hat das Autor_innenkollektiv Dr. Hilde Benjamin das vorzeitige Ausscheiden der DFB-Frauenauswahl bei der WM im eigenen Lande zur Kenntnis genommen. Nachdem bereits das Traumfinale gegen Nordkorea durch widrige Umstände geplatzt war, stellt das Viertelfinalaus einen empfindlichen Rückschlag für alle genderbewussten und fortschrittlichen Kräfte dar, der es schwer macht, an Zufälle zu glauben.

Die in der Vergangenheit stets aufgegangene Rechnung, regressive Bewusstseinshaltungen wie Patriotismus zu vereinnahmen und progressiv umzudeuten, hatte anfangs problemlos gewirkt. Solange Deutschland Titel gewann, war es einfach, die Genderblase aufrecht zu erhalten. Millionen Menschen im Lande tranken sich die Spiele nötigenfalls schön und versammelten sich vor den Fernsehgeräten. Mäkeleien über den sportlichen Wert oder die ästhetische Herausforderung, die Frauenfußball bei noch nicht so weit fortgeschrittenen Gemütern mit sich brachte, fanden allenfalls hinter vorgehaltener Hand statt.

Und jetzt plötzlich eine Blamage, die den mühsam über Jahre hinweg aufgebauten Flow zu Gunsten des Frauenfußballs von einem Tag auf den anderen zu ersticken droht!

Wir kommen nicht umhin, ein Komplott regressiver neokonservativer Saboteure hinter dieser Entwicklung zu vermuten. Bereits das Ausbleiben eines Fanals für den Freiheitskampf aus Anlass der Eröffnungsfeier deutete auf feindliche Umtriebe hin. In weiterer Folge leisteten sich die Akteur_innen unverzeihliche Fehler, indem sie sowohl auf dem Platz als auch außerhalb nicht nur jedes Klischee der Reaktion über den Frauenfußball bestätigten, sondern sogar übertrafen. Wir mutmaßten schon, als Nächstes würde noch irgendeiner auf die Idee kommen, nach dem Vorbild der Genossin Semenya von vor 2 Jahren auch die teilnehmenden Mannschaften einem Geschlechtstest zu unterziehen – der möglicherweise zum vorzeitigen Ende des gesamten Turniers hätte führen müssen.

Mit dem Ausscheiden der deutschen Elf dürfte sich diese Wühlarbeit erledigt haben. Es ist fraglich, ob sich Fußball überhaupt noch perspektivisch dazu eignen wird, die Infragestellung und Überwindung regressiver Geschlechterklischees in unseren Breiten mithilfe der Instrumentalisierung des Hurra-Patriotismus und in Kirchentagsatmosphäre voranzutreiben. Eher dürfte künftig wieder die offene Konfrontation mit patriarchalisch-reaktionären Vorurteilen geboten sein – indem statt Frauenfußball gleich Frauenboxen gepusht wird und medialer Aufmerksamkeit sowie ausreichend Sendezeit im Hauptabendprogramm teilhaftig wird.

Bis dahin fordern wir jedenfalls, Sylvia Neid zum Kartoffelschälen ins militärische Sperrgebiet der Kamtschatka abzukommandieren, die Spekulation mit Fanutensilien durch ein sofortiges Verkaufsverbot zu stoppen (ab Montag werden konservative Kräfte versuchen, schwarz-rot-goldene Fahnen und Hüte zum Schleuderpreis zu ergattern, um sie bei der Männer-EM im nächsten Jahr wieder verwenden zu können) und statt der Männer- künftig nur noch die Frauen-Bundesliga in der Sportschau zu zeigen.

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