Was ist eigentlich sozial?

Posted on August 7, 2011 von

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Da man ja auch nach nunmehr ca. 3.500 Jahren noch nicht mal gleich und ganz genau sagen kann, was Gerechtigkeit ist, wird man doch ersatzweise wenigstens sagen können, was sozial ist. So oder so ähnlich wird Daphne, die israelische Filmemacherin, das wohl empfunden haben, als sie sich vor vier Wochen auf einen Campingplatz setzte, der sich zufällig in der Mitte des Sderot Rothschild befand, dem Epizentrum eines politischen Spektakels, das inzwischen sogar das Publikum der deutschen Tagesschau kennt, zumindest dem Namen nach.

Seitdem hat sich einiges getan und in letzter Zeit ist man in den Kreisen des legitimen israelischen Widerstandes immer dann besonders intensiv beschäftigt, wenn es darum geht, auf den Rallyes jene Diskussionsteilnehmer_innen vom Mikrofon wegzuschubsen, welche die Partedirektive und „politische“ Wahrheit für den Hausgebrauch ausplaudern, nach der das faschistoide Bibermann-Regime zum Henker gehört; da muss Daphne dann ganz schnell dazwischen, sonst gibt das hässliche Bilder.

Und darum geht es ja auch gar nicht! Sondern um Friede, Freude, Eierkuchen Hüttenkäse und die Tatsache, dass sich auch im real existierenden Sozialismus bekanntlich alle Werktätigen des ganzen sogenannten Volkes ein Eigenheim in Wandlitz, eine Ferienwohnung am Newskji-Prospekt und eine Yacht vor La Habana leisten konnten, dem Monaco der Karibik.

Man darf also gespannt sein, welche „politische“ Forderungen den Kern des nächsten Momentes der Wahrheit bilden werden, den Daphne und ihre Camping-Freunde erleben; bevor dann wieder jemand fast bewusstlos geschlagen werden muss, weil er sich öffentlich verplappert.

Da hilft nur Linientreue, liebe Camping-Freund_innen! Wir empfehlen ein Meretz-geführtes Campingkocher-Kabinett Führungsgremium sowie einen Beratervertrag für Inge Höger oder Annette Groth von der deutschen „Links“-Partei. Das wäre nicht nur auf der Höhe der wissenschaftlichen Weltanschauung, sondern Frau Groth und Frau Höger wissen vor allem, wie man unterdrückte „Völker“ und „Opfer der israelischen Besatzung“ befreit; das sind Daphne und ihre bunter Truppe doch auch! Schließlich ist der jüdische Star angesichts der künstlichen Verknappung von Bauland direkt verantwortlich für die aktuelle Wohnraum-Misere, und einen Bezug zum Hüttenkäse bekommt man auch noch hin, irgendwie.

Ersatzweise könnte es auch genügen, auf die Berichterstattung in den deutschen Medien zu achten, die bekanntlich immer dann besonders wohlwollend mit dem jüdischen und demokratischen Staat umgehen, wenn es um dessen (Selbst-)Abschaffung geht; gerade auch jenes Wahrheitsministerium mit Sitz am Speersort, das sich in den letzten zehn Jahren als das Frontgeschütz des „bürgerlichen“ Antizionismus etabliert hat, „Die Zeit“, die sich nichts sehnlicher wünscht, als in der „Bewegung“ der Camping-Freund_innen den Vorboten eines verspäteten „arabischen Frühlings“ zu entdecken, der „das israelische Regime“ dann spätestens im – deutschen? heißen? – Herbst hinwegfegen wird.

Wenn Daphne, die Filmemacherin, hingegen weiterhin in ihre Kristallkugel starrt, um den „Willen des ganzen Volkes“ daraus herauszulesen oder ihn wenigstens zu bestimmen, ist das zwar gerecht, weil der Charme der Demokratie bekanntlich gerade darin besteht, dass sich jede_r mal zum Narren machen darf, aber sozial ist das nur in dem Maß, in dem Daphne, die Filmemacherin, tatsächlich das Fleisch gewordene Gesamtisrael ist, auch jenseits der knapp 5% der Bevölkerung, die sich öffentlich darin bestätigt sehen möchten, das „bessere“ Israel zu sein – wenn schon nicht das richtige oder das gute, weil letzteres ginge ja nicht, aus den bekannten anti-zionistischen und „Israel kritischen“ Gründen.

Es scheint inzwischen so, als hätte Daphne, die Filmemacherin, eine prima Geschäftsidee gehabt: den ersten Monumental-Dokumentarfilm, inklusive Massenszenen im Stil von Cecil B. DeMille, a.k.a. Cecil B. DeMillion („Samson und Delilah“ 1949, „Die größte Show der Welt“ 1952, „Zehn Gebote“, 1956). Die Komparserie gab es in diesem Fall gleich gratis dazu und die Hauptdarsteller sind aus dem „richtigen“ Leben – allen voran Daphne selbst – wie sich das für sozialistischen Realismus auf Ballhöhe mit dem Zeitgeistes, also die sogenannten Reality-Medien, gehört.

Dass und wie das mit der Realpräsenz und Fleischwerdung als Füllhorn der sozialen Gerechtigkeit geht, hat die Frontfrau des Dritten Weges und Präsidentengattinnen-Darstellerin, Eva Peron, bereits vor vielen, vielen Jahren, und zwar noch vor Cecil B. DeMille und Daphne, der Filmemacherin, gezeigt; Vorsicht wäre indes geboten, wenn bei der israelischen Post die ersten Briefmarken auftauchen, auf denen man Daphne auch noch von hinten anlecken muss.

Aus diesem Anlass stellt sich uns die Frage: Was ist eigentlich sozial? Wenn Daphne sich den Film, den sie gerad dreht, auch selbst angucken muss.

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