Der Rote Riese wird uns retten!

Posted on September 14, 2011 von

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Los chinos van a salvar al país, die VR Chinesen werden uns retten, so lautete das Mantra der veröffentlichten Meinung, als der kapitalistische Turbostaat Argentinien den Ereignissen in der EUdSSR, insbesondere Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, usw., usw., vorausgriff und im Jahr 2001 pleiteging. Mehr oder weniger ungeordnet übrigens, nicht nur, weil Philipp Rößler (FDP) nicht dabei sein konnte, sondern vor allem, weil die revolutionären Kräfte durch eine zweckdienlich von der CIA, dem Mossad und dem argentinischen Inlandsgeheimdient gefälschte Analyse in die Irre geführt worden waren.

An den revolutionären Massen der Pampas-Republik lag es jedenfalls nicht, dass dem Duhalde-Regime ein abscheulicher Erfolg bei der sogenannten Stabilisierung des Landes beschieden war; bei der es in der real-existierenden Wirklichkeit darum ging, die aufrechte Gaúcho-Republik unter das Joch des internationalen Finanzjunkietums und die Knute des IMF zu zwingen.

Die blutige Repression des letzten ernstzunehmenden Versuchs einer Weltrevolution, des Argentinazos, sollte nur ein Vorgeschmack sein auf das, was jenen Völkern droht, die sich der Anarchie des Marktes zu entziehen versuchen.

Die kleinbürgerlichen Indifferenten aus der Mittelschicht hingegen, die auf dem Höhepunkt der Krise am Río de la Plata wochenlang bei Tag und bei Nacht mit ihrem Kochgeschirr auf den Avenidas standen und an die Portale des Staatsfeinds número uno, der Banken, trommelten, beweisen indes, dass Blödheit Mangel an proletarischer Bewusstseinsbildung kein exklusiv deutsches Problem ist. Hatte das durch die Krise um seine Spargroschen geprellte argentinische Kleinbürgertum in seiner Mehrheit doch tatsächlich der Propaganda seiner Regierung geglaubt, wonach der Austral Peso des Uno-por-uno so sicher wäre wie die Schweizer Banken; sie hatten es nicht besser verdient.

Die seit dem Argentinien-Crash und dem Einstieg der Chinesen in die dortige Wirtschaft geradezu astronomischen, um nicht zu sagen chinesischen Wachstumszahlen – im Schnitt 8% pro Jahr in den letzten zehn Jahren – haben nun also in der Brüsseler Beamtendiktatur Begehrlichkeiten geweckt, und auch im ZK der CDU und bei den Kandidaten der Nationalen Front (FDP) wünscht man sich inzwischen nichts sehnlicher, als dass der Nowak sie nicht verkommen ließe.

Ja, ja, liebe Genosseninnen und Genossen, auch in der VR China hat sich die vom italienischsten aller Weltstars, von Rita Pavone unters Volk gebracht Parole herumgesprochen über das, was man in der Bundesrepublik so gerne macht: Musik. Auf wessen Knochen diese Flötentöne gepfiffen werden, dürfte angesichts auch nur basaler proletarischer Bewusstseinsbildung so klar wie Ritas hohes F sein.

Genoss_innen, wir wissen: Die Annahme, die VR Chinesen würden ihre überwiegend hart und tendenziell unethisch, unter menschenverachtenden oder auch völkerrechtswidrigen, aber real-sozialistischen Bedingungen verdienten Euros und Dollars einfach nur in einer großen Sause mit uns zusammen durchbringen wollen, kann nicht ganz richtig sein.

Nur, damit es den Deutschinnen und Deutschen sowie unseren Finanz-Mündeln in jener EUdSSR, die langsam aber sicher die Grenzen des Deutschen Reichs von 1943 annimmt, „gut“ geht, wird kein Yuan an überwiesen. So wenig wie Strom einfach nur aus der Steckdose kommt, wird „unser“ Euro nun aus China kommen.

Vielmehr erinnern uns vom Autor_innenkollektiv Hilde Benjmain die idyllischen Vorstellungen, die sich das ZK der CDU, die Kandidaten der Nationalen Front (FDP) und der Ministerrat der EUdSSR vom Kapitalismus machen, ein bisschen an die zu Wendezeiten bei den Menschen unserer Republik vorherrschende Stimmungslage: Dass alles gut werden wird, wenn nur erst der Investor aus dem Westen auf seinem Schimmel angeritten kümmt um die volkseigenen Betriebe und mit ihnen die werktätigen Massen aus ihrer finanziellen Schieflage zu befreien, und sie dann auf seinem glänzenden Ross zu seinem noblen Chateau zu entführen.

Und das, während man weiterhin die eine Hälfte der Arbeitszeit damit zubringen können würde, unnütze Dinge zu produzieren, die kein denkbarer Weltmarkt brauchen könnte, und sich die andere Hälfte der Zeit mit Nichtstun Freizeit  proletarischer Bewusstseinsbildung zu verkürzen, also bei ein, zwei Fläschchen Nordhäuser Korn von Sommerferien im nicht-sozialistischen Ausland zu träumen.

Es genügt ein Blick auf die blühenden Landschaften in den fünf neuen Bundesländern, um zu verstehen, wie es der Kapitalismus wirklich mit dem Menschen meint. Und es steht nicht erst deshalb zu vermuten, dass auch die Genossinnen und Genossen in der VR China inzwischen verstanden haben werden, dass sich nur solch ein Investment lohnt, das eine angemessene Rendite verspricht.

Also, liebes ZK der CDU: Was kann denn jetzt noch schiefgehen? Verkauft uns bitte, bitte bald an die VR Chinesen und zieht euch auf die Seychellen zurück; schlimmer als die Mutti-Vati-Kind Koalition von Merkel, Schäuble, Rößler kann es mit den Chinesen auch nicht sein.

Allen, die sich ein realistisches Bild von exotichen Arbeitsbedingungen machen möchten, sei ein Besuch im nächsten China-Restaurant empfohlen. Mit nur ein ganz klein wenig Glück wird man dort beobachten können, wie dem aus der VR China angeworbenen Personal als erstes mal die Reisepässe abgenommen werden und sie dann mit einer Eisenkugel am Hals am Herd befestigt werden; natürlich nur, damit sie sich in der Fremde nicht verlaufen.

Während sie die Tischreste nur mal eben durch abgestandenes Wasser ziehen und sie auf diesem Wege wieder „geeignet für den menschlichen Verzehr“ zu machen. Da ist doch das Neue noch nicht von ab, nur weil es schon zwei, drei Mal auf dem Teller gelegen hat, und auch Claudia Roth ist fürs Recycling, oder etwa nicht?

Aber auch in Argentinien wird nun endlich fleißig gewirtschaftet nach chinesischer Prägung, 8% Wachstum p.a. fallen schließlich vom Himmel. Vielleicht nicht gar so masochistisch geschafft wie im Land der ewigen Kehrwoche wird am Río de la Plata, aber auf die Zweiundsiebzigstundenwoche bringt man es als Proletariat im Land der fetten Kühe locker, wenn man nicht im Überfluss verhungern möchte, und zwar ab dem zwölften Lebensjahr.

Doch keine Sorge, liebe Beamtinnen und Beamte der EUdSSR, liebe Angestellte der ihr angeschlossenen Funkhäuser, es gibt bestimmt eine Möglichkeit, die Bedingungen, unter denen die EUdSSR sich in eine Agentur zur Personalüberlassung verwandelt, im Vorwege so abzusprechen, dass sich an Euren aktuellen Arbeitsbedingungen zunächst einmal nicht sehr viel ändert; die Vorarbeiter unserer stalinistischen Arbeitslager waren schließlich auch etwas gleicher, als die anderen.

Und es wird deswegen vielleicht sogar weiterhin noch möglich sein, dass man in Brüssel nach 32,5 Regelstunden den Schreibtisch verlässt, um pünktlich zum Wochenende zuhause zu sein; dann geht eben das Au-pair-Mädchen am Freitagmorgen noch mal mit der Stempelkarte zum Büro, macht danach die Einkäufe und kommt nach fünf Stunden wieder zum Ausstempeln vorbei, fertig!

Der Verkauf der EUdSSR an die VR China krönt, so meinen wir vom Autor_innenkollektiv Hilde Benjamin, den ganz sang- und zwanglosen Übergang des Kapitalismus in den entwickelten Kommunismus. Und ist der Aufstieg der von der internationalen Ausbeuterclique einst gebeutelten VR China zur neuen globalen Supermacht nicht zuletzt auch ein schöner Beweis nicht nur für die Richtigkeit, sondern vor allem für die hohe Moralität der wissenschaftlichen Weltanschauung?

Aber es gibt auch Risiken auf diesem Weg, und die Chinophobie ist nur eines von ihnen. Denn wenn schon der Zusammenbruch des staatlichen Monopolkapitalismus des RWG kein reines Spaßvergnügen war, so steht zu vermuten, dass auch der Zusammenbruch des staatlich organisierten Oligopol- bzw. Duopolkapitalismus westlicher Prägung nicht gerade ein Spaziergang sein wird.

In Sachen Einpeitschung sozialistischer Arbeitsnormen, Planerfüllung und Führung der Armeen der Arbeit haben die VR Chinesen ihren Genossinnen und Genossen in der EUdSSR, ganz zu schweigen von denen in der US-SSR, einiges voraus; sonst wären sie schließlich nicht zu diesem ganzen Kapitalismus gekommen, den sie nun so überaus freundlich und uneigennützig auf der ganzen Welt zu verteilen verstehen.

PS: So schlimm wie beim Angriff der Killertomaten (siehe Bild) wird es mit dem Roten Riesen diesmal wohl nicht, glaubt Wolfgang Schäuble

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