Wenn’s vorne zwickt und hinten beißt

Posted on November 16, 2011 von

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Die Zwickauer Zelle hat nun einigermaßen notorische Bekanntheit erlangt als braune Wiedergängerin  jenes Terrors, den die Genoss_innen in der ehemaligen BRD zuletzt in den 60er/70er Jahren in seiner domestizierten, „links“ ideologisch und „politisch“ rektifizierten Verlaufsform kennenlernen durften; durch jene RAF, die den Verdacht bestätigt, dass es sich bei einigen deutschen „Linken“ um Braune gehandelt hat, die nicht ganz rot geworden waren.

Dieser schwerwiegende Verdacht drängt sich angesichts der aufgedonnerten Selbstbezichtigungsschreiben auf, die den Mordanschlägen der gesellschaftlichen Verbreitung der Synthesis von Theorie und Praxis durch die spätere Stammheim-WG auf dem Fuße folgten und die als „politische“ Enzyklika an ihre „UnterstützerInnen“ ergingen; vorwiegend an West- und Euro-Kommunist_innen, teils studentischer, teils gewerkschaftlicher Provenienz, also Leute, die sich „inhaltlich“ nicht besser wehren konnten.

Brauner Terror, daran erinnert ein aktuelles „Spiegel“-Titelblatt freiwillig-unfreiwillig und eben deshalb so beredt, ist in Deutschland hingegen vor allem als rot-brauner zu verstehen – nur eben ohne Rot. Ob die Zwickauer Zelle vielleicht nicht mehr, aber auch nicht weniger war, als eine sich selbst um das „Politische“ betrügende Mörderbande nationale Befreiungsbewegung vom Schlage der RAF – mit dem Unterschied, dass die NSU niemals rot, und damit „gut“, werden wollte?

Der Vergleich von RAF und NSU zeigt insbesondere, wie glatt die Terror-Dinge laufen können, wenn Vater Staat die Sache in die Hand nimmt, und für personell und logistisch ansprechende Ausstattung und reibungslose Unterstützung sorgt; und wahrscheinlich auch für jede Menge zweckdienliche, ermittlungstechnische Blindheit.

Das sind Fragen über Fragen, und vielleicht wäre es an der Zeit, statt der NPD besser die Kölner Behörde und ihre föderalen Dependancen aufzulösen; oder den V-Schutz wenigstens geordnet in die „Links“-Partei und andere „demokratische“ Kräfte zu überführen: in die „Partei der kritischen Intelligenz“ und den Arbeitskreis KenFM/Soligruppe Palästina im Abgeordnetenhaus zu Berlin, mit freundlicher Unterstützung der „Partei der informationellen Selbstbestimmung“.

Ein Outsourcing dürfte keine allzu großen organisationalen Kopfschmerzen bereiten, denn personell scheint die Schnittmenge von V-Schutz und NPD schon jetzt nicht unerheblich zu sein. Mit einer geordneten Überführung käme man auch um das überfällige und von juristischen Misserfolgen verfolgte NPD-Verbotsverfahren herum. Wer jedoch nach den Nachrichten aus dem Bauch der Nachrichtendienste noch glaubt, Verfassungsschützer schützen die Verfassung, glaubt womöglich auch, Zitronenfalter falten die Zitronen.

Was nun das mörderische „revolutionäre“ Wirken der Zwickauer Genoss_innen Nazis betrifft, verdiente untersucht zu werden, inwieweit es sich dabei um eine theoretisch-praktisch eigenständige „Leistung“ handelt, und inwieweit um die ideologische Schwundstufe einer „politischen“ Regression, nämlich des rot-braunen Terrors der 60er/70er in der ehemaligen BRD; der an 100% fehlende ideologische Gewichtsanteil geht dann auf das „politische“ Konto von Vater Staat?

Die NSU ermordete reihenweise Leute, die ihr aus „politischen“ Gründen nicht passten, hat aber an die theoretische Tiefe, praktische Breite und organisatorische Weite, kurz: an den revolutionären gesellschaftlichen „Erfolg“ ihrer historischen Vorgänger, hinsichtlich der Objektwahl, des Mordes Ausschaltens von „Repräsentanten des Schweinesystems“, und dessen „politischer“ Begründung, nicht recht anknüpfen können. Umso besser glückte ihr die Klandestinität.

Sie ist dennoch symptomatisch für ein Gesellschaftsystem, das seine allfälligen Krisensymptome nicht erst seit gestern zeigt. Es wäre schlechterdings nichts anders zu erwarten, als dass Terror legitimer Widerstand, in seiner Funktion als kämpferische Praxis der Avantgarde der Klasse des Bewusstseins (siehe RAF, insbesondere das Mai-Papier), sich nicht anders als auf der Höhe des gesellschaftlichen Zeitgeistes manifestieren kann.

Und dass „linker“ Terror – als „politisch“ motiviertes, „verständliches“ Sozialverhalten – „gut“ ist und nur rechter Terror „böse“, haben wir ja nach dem Massaker auf Utoyah von seiner Exzellenz, dem Botschafter Norwegens in Israel „gelernt“, jaja.

Eine andere denn eine braune Manifestation des Terrors scheint gesellschaftlich weder möglich, noch nötig. Der rot-braune Terror der RAF ist, samt seinem klassenkämpferischem „Frühling der Völker“ und anderen sozialromantischem Gedröhne revolutionären Zwecken, längst obsolet; nicht zuletzt dank des Wegfalls einiger wichtiger „politischer“ Regime im Osten.

Umso wichtiger wird es, das Rote im Braunen zu sehen, wenn man handlungsfähig bleiben „politisch“ überleben will – das sagt allen deutschen „Palästina“-Solidarier_innen das gesunde Volksempfunden „politische“ Bauchgefühl.

Der rassistische Hass auf das Gattungswesen besetzte bei der NSU die Stelle und Funktion, die der antisemitische Wahn bei der RAF hatte: emotionale Triebkraft im „bewaffneten Kampf“ zu sein; was der RAF der „Antikapitalismus/Antiimperialismus der dummen Kerle“ war, war den anderen, der NSU, der „unmittelbare“, rassistische Wahn.

Die potenziellen Terror-Paten im metaphorischen „Süden“ (der eher im Nahen und Mittleren Osten zu finden sind) haben die Zeichen der Zeit zwar bereits in aller erforderlichen Deutlichkeit erkannt. Aber was ihnen zum Glück noch fehlt, ist etwas mehr Gemütlichkeit proletarische Bewusstseinsbildung bei der deutschen „Links“-Partei und der deutschen Wirtschaft.

Sonst wäre bei den Terror-Mullahs bestimmt noch etwas mehr rauszuholen – vielleicht ein Ableger der Hamas in Halberstadt? Oder ein Volkstümliches Widerstandskomitee (PRC) in Herne? Das läge auch klanglich voll auf der Linie des nationalen Sozialismus, nicht wahr Frau Höger, Frau Buchholz, Herr van Aken, und viele andere „linke“ Mullah-Freunde mehr?

Wer jedoch, wie der Bernstein-Sozialist und „Spiegel“-Erbe Augstein (geb. Walser), per Titelblatt die „RotBraune Armee Fraktion“ auferstehen lässt – als ob es ihm darum ginge, in den eigenen Reihen den Bluthund à la Noske zu machen – beweist, dass ihm im Kampf um Auflagenzahlen und Werbeseiten jedes Maß unter die Räder seiner Druckwerke gekommen ist und ihm das „politische“ Bezugssystem vollends aus der Bahn zu fliegen beginnt.

Das Braun, das gerade „Der Spiegel“ wahrzunehmen meint, denunziert sich wie von selbst als das Rotbraun des historischen deutschen Antikapitalismus der Jahre 1933 bis 1945 – was angesichts des „politischen“ Stammbaums des „Deutschen Nachrichtenmagazins“ (Six, Mahnke, et. al.), vor allem aber deren Synthesis von Theorie und Praxis nicht weiter verwunderlich wäre; liegt doch im Leben so manches im Auge des Betrachters.

Die RAF, jene von der westdeutschen „Linken“ zu Märtyrern verkitschte Vorhut nationaler Befreiung in der sogenannten Dritten Welt, vor allem aber in „Palästina“ (und das bedeutete damals wie heute: „from the river to the sea“), wollte da weitermachen, wo Deutschland in der Folge des 8. Mai 1945 zu seinem größten Bedauern aufhören musste; und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch.

Die Aufenthalte von RAF-Kadern in Trainings- und Bildungseinrichtungen der PLO, der PFLP und des „Schwarzen September“ und die Entebbe-Entführung durch die RZ Kuhlmann-Böse (inklusive Juden-Selektion im Terminal von Entebbe) lassen keinen Zweifel an der antiisraelischen Stoßrichtung auch des „metropolitanen Widerstandes“ und seiner antisemitischen Vernichtungsabsicht.

Wer sich über den rot-braunen Terror nicht ereifert, sollte sich die wohlfeile Empörung über den braunen Terror sparen, solange er/sie damit kein freiwillig-unfreiwilliges, „politisches“ Geständnis machen will.

Der gute „rote“ Terror Widerstand entfaltete sich insbesondere in jenen Gesellschaften besonders üppig, manifestierte sich gerade dort besonders nachhaltig, wo einst ein ganz besonders brünstiges Verhältnis zum deutschen Faschismus gepflegt worden war. Ein „roter“ Terror Widerstand, der in der „links“-extremen, west-deutschen Öffentlichkeit mit intensiver Sympathie betrieben wurde, und dessen Echo heute eine „Palästina-Solidarität“ ist, die dank den IDF aufgrund der zionistischen Kriegsverbrechen überwiegend projektiv ablaufen muss, zumindest bis zum nächsten Flottillen-Pogrom.

Ein Tipp an die Damen und Herren in Pullach: Man befrage Herrn „Carlos“ mal bezüglich seiner „Erfolge“, die Hizb’allah im Bekaa-Tal (Libanon, wenn man rein kommt, gleich rechts) über sich „politisch“ und ideologisch wandelnde Zeiten zu bringen. Da kann man lernen, wie man eine Mordbrennertruppe legitime Widerstandsbewegung mal brauner und mal rot-brauner, „politisch“ aber immer auf der Höhe des Zeitgeistes inszeniert; wie gesagt: „lernen, lernen, lernen“ (Lenin).

Welch Schock indes, wenn sich eines Tages herausstellen sollte, dass der „politisch“ ach so gute, historisch „linke“, sich zudem auch noch lupenrein antifaschistisch missverstehende Terror in der BRD der 60er/70er genau so ein Werk des deutschen Staatsapparates gewesen sein sollte? Also so etwas ähnliches, wie die Zwickauer Zelle, nur in „rot“ – also  rot-braun ohne braun.

All die „politisch“ „guten“ RAF-Sympathisantinnen, Widerstands-Apologeten, Palästina-Solidarier – wären womöglich genauso gelinkt worden, wie die „authentischen“ Braunen, die rot-braunen ohne rot.

All die heute in Amt und Würden (vorzugsweise bei Vater Staat) stehenden Stützen der Gesellschaft würden Augsteins (Senior, der schon vor Moskau mit dabei war) „Baader-Meinhof-Komplex“ öffentlich verbrennen; nicht auszudenken, was das im Ausland schon wieder für Schlagzeilen gäbe, Frau Merkel!

Das würde, wohlgemerkt, nicht etwa wegen der „politischen“ Ausrichtung der RAF geschehen, ihrer antisemitischen Vernichtungsabsicht von den Tagen des ersten Kaufhausbrandes bis zur „Big Raushole“. Um darauf zu reagieren, wäre längst Zeit gewesen, es ist ja alles hinlänglich bekannt, aber bezeichnenderweise ist an dieser Stelle eben gar nichts geschehen, was wie Distanzierung wirkt.

Wie gesagt: Der „gute“ Terror ist ja der „politisch“ nachvollziehbare, der gegen die „israelische Besetzung“ kämpft, ach ja.

Sondern empört wäre das deutsche Damen- und Herrenmenschentum nur um seiner selbst willen , wenn sich nämlich herausstellen würde, dass man sich vom deutschen Staat mal wieder belogen und betrogen wissen muss. Namentlich um die Annahme, dass in diesem Land, in dieser Gesellschaft, auch ohne staatliche Intervention „politisch“ irgendetwas laufen würde.

Eine andere Empörung stünde jener deutschen Zivilgesellschaft schließlich auch nur schlecht zu Gesicht, in der eine Eva Herrmann, die Unsinn redet, völlig zurecht umgehend von der Bildfläche entfernt wird, während ein KenFM im RBB seine „Messages“ im Namen von „Frieden und Völkerverständigung“ munter weiterbrabbeln darf; zudem auch noch als jemand, der „weiß“, dass Rockefeller mit seiner Standard Oil den Zweiten Weltkrieg – und damit den Holocaust – „ermöglicht“ hat. Und der vor allem aber „weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat“; beides O-Ton KenFM.

Wie sich angesichts der Zwickauer Zelle zeigt, kann selbst mit staatlicher Intervention nicht an die sozialen „Erfolge“ vergangener Tage angeknüpft werden; statt namhafter Terroristen Klassenkämpfer_innen lässt der VEB Terror nun also Leute auf die Menschheit los, die nicht etwa die „politisch“ verhassten Menschen „Repräsentanten des Schweinesystems“, sondern Gemüsehöker und Imbissbudenbesitzer ermorden; und das noch nicht mal im Namen und auf Rechnung irgendeiner progressiven, „linken“ Ideologie, sondern einzig und allein im Frondienst für ein „rassereines“ Volk und Vaterland.

Denk ich an Heine in der Nacht.

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