Deutscher Antikapitalismus

Posted on Dezember 13, 2011 von

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„Geld regiert die Welt“ – auf der Höhe des Occupy-Zeitgeists titelt „Der Spiegel“ in seiner Funktion als „Das deutsche Nachrichtenmagazin“ und in seiner Tradition als Fachblatt für den Café-Handel und sagt – indem er den Wahlspruch des chronisch klammen Herzogs Friedrich von Sachsen zitiert – zugleich alles und nichts über die real existierende Wirklichkeit. Aber nicht erst seit gestern muss sich als schlecht beraten erkennen, wer das Augstein-Blatt für einen Vektor der Aufklärung hält, also des Ausbruchs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant).

Geld – daran erinnert uns die emanzipative Kritik der politischen Ökonomie – ist Ursache und Wirkung eines warenförmig vergesellschafteten sozialen Systems, das auf die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr sinnvoll anzusprechen ist. Vor allem nicht auf die eindimensionalen Pseudo-Unterscheidung in „Regierende“ und „Regierte“, die der Spiegel mit seinem Titelbild propagiert und damit mehr zur Verschleierung und Mystifizierung der gesellschaftlichen Verkehrsformen beiträgt, als zu ihrer Analyse, geschweige denn Kritik.

Was sich der naiven journalistischen Subjektemphase des Spiegel entzieht, ist die Tatsache, dass auch die vermeintlichen Akteure der kapitalistischen, von „Sachzwängen“ gesteuerten, ergo sozial blind getriebenen Vergesellschaftungsform, in jedem Moment – vor allem aber, wenn diese „Sachzwänge“ es erfordern – aussortiert und ausgemustert, also außer Wert gesetzt werden können; wenngleich zu einem deutlich besseren Kurs als die Allerweltsarbeitslosen, die die Agentur für Arbeit verwaltet und mit exorbitantem Aufwand zu Billiglöhnern „ausbildet“, bzw. von Dritten ausbilden lässt.

Die immer kürzer werdende börsliche Haltbarkeit von Beschlüssen diverser EU-Gipfel zur „Euro-Rettung“ deuten an, dass die Dialektik von Regierenden und Regierten sich aufzulösen beginnt; während ein durchschnittlicher EU-Gipfel zu Anfang des Jahres noch für ein Vierteljahr zum „politischen“ Atmen gut war, liegt die Tragfähigkeit seiner Beschlüsse aktuell nicht einmal zwei Arbeitstage und ein Wochenende. Das bedeutet dennoch nicht zwangsläufig viel Gutes.

Was die Außerkurssetzung ganzer Bevölkerungsgruppen aktuell rein praktisch bedeutet, lässt sich dort studieren, wo die Armenspeisung der Wohltätigkeitsorganisationen allnächtlich Station macht. Diese milden Gaben den restlos unter die Räder gekommenen auch noch zu neiden und wegnehmen zu wollen, ist in Deutschland das zweifelhafte Privileg, welches man vom hohen Sitz seines SUVs, seines sports utilities vehicles (vulgo: Pfützenpanzer) aus oder aus dem Schutz so mancher Beamtenhöhle (vulgo: Gewerbeaufsicht) aus betreibt. Beides markiert den Kurzschluss von Gesellschafts- und Persönlichkeitsform, und ist ergo nicht logisch, sondern psychologisch.

Was nun die verschwörungstheoretisch-angstlüsterne Marionetten-Metapher anbelangt, die der Spiegel auf seinem Titelblatt zitiert, so hätte die Titelblatt-Redaktion mehr Mut beweisen können, wenn sie es wenigstens  bei der Original-Inschrift auf dem zitierten Giebelgebäude belassen hätte: New York Stock Exchange.

Wir vom Autor_innen Kollektiv Hilde Benjamin finden: die Marionettenfäden hätten hinter einem Straßenschild mit der Aufschrift „Wall Street“ enden können müssen, hinter dem sich die gierigen Krallen der Heuschrecken Finanzhasardeure verbergen, die sich unser aller Eingemachtes unter den Nagel reißen wollen und die Zukunft des ganzen Planeten in ihren Aktiencasinos verzocken, während sie nach der Weltherrschaft im oben gezeigten Sinne streben; es muss ja nicht gleich wieder so sozialrevolutionär zugehen wie in den Hochzeiten des historischen deutschen Antikapitalismus und Antiimperialismus der Jahre 1933 bis 1945.

Andererseits sind gewohnheitsmäßige Konsumenten (m/w) des deutschen Nachrichtenmagazins in der Dechiffrierung ihrer antikapitalistischen, antiimperialistischen – und allgemein in einem diffus „linken“ Ruf stehenden – journalistischen Leib-und-Magen konditioniert vermutlich gewieft genug, um die „Information“ von allein zu ersetzen, indem sie sie zur Kenntlichkeit entstellen; so ist es eben, wenn es weniger um das Gesagt, sondern vielmehr um das Gemeinte geht. Kommunikation im „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) braucht das Ressentiment, wie der Fisch das Wasser.

Wenn aber selbst eine so staatstragende Veranstaltung wie das deutsche Nachrichtenmagazin sich in unserer Republik nicht mehr trauen kann, die antizionistische Wahrheit auszusprechen – aus Angst vor der Moralkeule Auschwitz – dann ist es wirklich schlimm bestellt um proletarische Bewusstseinsbildung sowie den neuen, sozialistischen und CO2-neutralen Menschen.

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