Stahlgewitter oder: Chronik eines angekündigten Amoklaufes

Posted on Januar 9, 2012 von

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Wulff erntet geballte Presse-Kritik für "Bild"-Anruf

Christian Wulff, Ernst Jünger und das deutsche „Stahlgewitter“

Der Ton des medial assistierten Selbstgesprächs, in dem sich Christian Wulff in seiner Funktion als Noch-Präsident des „wieder gut gewordenen“ Deutschlands (Eike Geisel) über sich und seine Weltanschauung verständigt, ist über das Wochenende um einige bezeichnende Ober- und Untertöne schriller geworden.

Nämlich sieht Christian Wulff nunmehr nicht bloß den Feind über den „Rubikon“ geschritten und ergo im „Krieg“ mit sich, sondern er sieht sich inmitten eines „Stahlgewitters“ Ernst Jüngerscher Prägung; nach Berichten, die vom Pressesprecher des Bundespräsidialamtes weder bestätigt noch dementiert werden konnten.

Der scheinbare, also nur vermeintliche, Schwiegermutterschwarm aus der niedersächsischen Landeshauptstadt sieht sich in das kathartischen Finale eines heroischen Existenkampfes geworfen, wie ihn in weit weltbewegender Dimension das durch ihn repräsentierte historische Selbstmordkollektiv zuletzt in seiner vorläufig letzten faschistischen Periode mit Datum vom 8. Mai 1945 bestritt und zu seinem allergrößten Bedauern „unentschieden“ abbrechen musste?

Ich halte es für eine ganz besonders bösartige Unterstellung, dass in Laufweite des Schlosses Bellevue die Sicherheitsvorkehrungen vor Schulen, Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen bereits verstärkt worden sind um die Öffentlichkeit vor dem sich abzeichnenden Amok-Lauf eines vierzig- bis fünfzigjährigen, unauffälligen weißen Mannes zu schützen, der gegebenenfalls nicht „nur“ Mailbox und Handy als Waffe benutzt; ein unwahrscheinliches Gerücht, denn von einer derartiger Menschenkenntnis darf man bei deutschen Sicherheitsbehörden nicht ausgehen.

Als Waffe in einem Existenzkampf à la Jünger, in dem Christian Wulff es oberflächlich betrachtet zu all dem gebracht hat, was die Sparkassenwerbung ihrer Klientel einmal in subtiler Selbstironie als Kennzeichen des guten Lebens vorbuchstabiert hat: Mein Haus, mein Auto, meine Frau.

Zum Dienstwagen hatte Christian Wulff es immerhin schon bei seinem letzten Arbeitgeber gebracht, für Haus und Frau hat er selber gesorgt – und gar nicht schlecht! Wie es heißt, mag ihm das im selben Anlauf gelungen sein, per One-stop-shopping am Steintor in Hannover.

Es dürfte an sich nicht der Rede wert sein, aber Friede Springer weiß, was sich gehört – und lässt Anrufe ihr persönlich unbekannter Männer grundsätzlich unbeantwortet; es ist eben doch die Kinderstube, die  die Grenze zwischen Parvenüs und Etablierten demarkiert.

Dass Frau Dr. Merkel hingegen offensichtlich keinerlei Skrupel hatte, in ihrer Funktion als deutsche Bundeskanzlerin zu freizügig mit ihr anvertrauten Informationen umzugehen, mag an der guten alten DDR-Kinderstube liegen; ein Studium in Moskau gab es auch für Pastorentöchter vermutlich nicht zum Selbstkostenpreis.

An irgendetwas wird es wohl liegen, dass „Mutti“ ausgerechnet Herrn Gauck sich nun gar nicht als Bundespräsidenten vorstellen kann – den selben Gauck, bei dem das zehn Milliarden-Teile-Puzzle wieder zusammengeflickt werden soll, das der ostdeutsche Mob nach seinem Volks-„Sturm“ auf die Normannenstraße eben dort hinterlassen hat.

Festzuhalten ist bis dato, was bereits jemandem aufgefallen ist, als er sagte: „Kaum lügt die Bild-Zeitung einmal nicht, gibt es in Deutschland eine Staatskrise“. Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, aber ich danke ihm für diese Einsicht.

Legal, illegal, scheißegal? Der Häuserk(r)ampf alter Schule hatte mehr versprochen, als die „Wulff-Schanze“ halten kann.

Die Krise des Individuums als „Stahlgewitter“

Was nun den deutschen Noch-Präsidenten anbelangt, so deutet die von ihm zur Zeit angeblich präferierte Begrifflichkeit à la Jünger nur an, unter welchem enormen innerpsychischen Druck er in seiner Funktion als selbsternannte Elite und Leistungsträger anscheinend steht; in Hörweite Dritter von einem „Stahlgewitter“ zu reden, könnte genau so dumm gewesen sein, wie so viele seiner sich durch eine doch recht eigentümliche Vorstellung von Intelligenz auszeichnenden Handlungen in den letzten Wochen und Monaten.

Zu denken, dass er im Zentrum eines „Weltkrieges“ steht, der um seine Person ausgefochten wird, schiene mir aus Christian Wulffs womöglich symptomatisch verschobener Wahrnehmung völlig plausibel und konsequent: Der Mann wird das wohl ernst meinen, was er vom „Stahlgewitter“ geraunt haben soll. Fragt sich nur, ob sich bei den Teilnehmern (m/w) dieses internen Neujahrs-Empfangs im Schloss Bellevue jene Stimmung eingestellt hat, die bislang die Spezialität gewisser unterirdischer Bunkeranlagen der ehemaligen Welthauptstadt in spe gewesen sein soll – und wer die Crème des deutschen Staates diesmal aus der misslichen Lage befreit, in die sie sich schon wieder hineinmanövriert hat; es ist aber wohl nur ein Gerücht, dass der Mumm-Sekt dem Personal diesmal nicht richtig gemundet haben soll.

Denn unter größten persönlichen Opfern – eventuell auch anderer, unbeteiligter Dritter – hat er einen Lebensstandard erreicht, der in etwa der oberen Mittelschicht entspricht, inklusive Spießertrutzburg am Stadtrand von Hannover und repräsentativer Ehefrau. Wer wollte es ihm verdenken, wenn er alles dafür täte, seinen Besitzstand zu wahren?

Immerhin steht er im kapitalistischen Existenzkampf ganz alleine da, denn seine Gattin wird wohl kaum auch heute noch einen Beitrag zum gemeinsamen Lebensunterhalt leisten, durch eine leichte Nebentätigkeit, die nicht sehr ermüdet, und womöglich auch noch Freude bereitet: Putzen, Nachhilfe geben oder Taxifahren vielleicht.

Nicht angesichts der Eheleute Wulff stellt sich die Frage, inwieweit so manche Lebensgeschichte von gesellschaftlichem Aufstieg und Erfolg dem Einsatz des angetrauten Weibes geschuldet sein könnte; und eventuell auch ihrem Einsatz bis zum Äußersten – einem Äußersten, von dem der Herr Bundespräsident vielleicht ebenfalls als „Stahlgewitter“ träumt?

Es gibt diese Mentalität dem Begriff vom Häuserkampf einen ganz neuen Sinn; denn unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen, welchen persönlichen Schweinereien, mögen wohl die Eigenheime dem sozialen Dasein und Sosein abgetrotzt und abgerungen sein, die den „Speckgürtel“ deutscher Agglomerationen markieren?

Dass dieser „Häuserkampf“ ausgerechnet dann reife gesellschaftliche Früchte trägt, wenn er in der Horizontalen geführt worden ist, scheint jedoch nur Ausnahmepersönlichkeiten wie etwa Domenica zu gelingen, und selbst die hat mit ihrem Schicksal gehadert.

Die von Christian Wulff gewählte Strategie scheint eigentümlich und bezeichnend zu sein. Ihre Anleihen bei Kriegsmetaphern wie dem besagten „Rubikon“ sind weniger bemerkenswert, sondern einfach nur eine angemessene Zustandsbeschreibung eines Egos im gesellschaftlichen Kampf aller gegen alle: Es wäre nicht besonders bemerkenswert, wenn auch der deutsche Bundespräsident einer wäre, der der Sparkassenwerbung vertraut, sondern einfach nur repräsentativ, oder auch typisch.

Hellhörig macht allein der kolportierte Rückgriff auf Ernst Jüngers „Stahlgewitter“, um sich sowohl als verfolgtes Opfer wie als zukünftigen Sieger eines Existenzkampfes zu inszenieren. Getreu der alten Väter Sitte, wonach „viel Feind“ dem Deutschen eben „viel Ehr‘“ bedeutet und „Angriff die beste Verteidigung“ ist, eben als verfolgende Unschuld typisch deutscher Art – voilà, Monsieur Wulff?

Da klänge die historisch sattsam unter Beweis gestellte Bereitschaft aller aufrechten Deutschinnen und Deutschen durch, sich das zu holen, was das Leben ihnen „schuldig“ geblieben ist – wenn es sein muss, mit Gewalt. Und die „muss eben sein“; und sei es „nur“, indem man die Mailbox als Waffe benutzt, in dem Überlebenskampf, aus dem der Stärkere als Sieger hervorzugehen pflegt, oder in dem Klügere nachgibt, so dass der Dümmere das Sagen hat?

Wie dem auch sei, Christian Wulff passt offensichtlich hervorragend zum Selbstbild selbsternannter gesellschaftlicher Eliten und ähnlicher „Leistungsträger“, die den Obdachlosen auf St. Pauli auch noch die städtische Pinkelbude neiden, die ihnen die Freie und Hansestadt hinstellen will; vom hohen Sitz ihrer vierradgetriebenen Sports-utilities Autos, „Pfützenpanzer“ genannt.

Das ist Ernst Jünger „light“ für die sinnentleerte Spaßgeneration. Das ist der German Way-of-life des Jahres 2012, und Broder hatte Unrecht, als er sich fragte, „zu welchem Deutschland Christian Wulff gehört“, denn Deutschland und sein Wulff haben einander wie Arsch und Eimer verdient.

Zu einem Deutschland, das sich und der Welt noch immer vormachen möchte, alles wäre wunderbar, würde ein Präsident passen, der anscheinend noch immer nicht einsehen möchte, was mit ihm nicht stimmt; nun ja, wenn man sich nur ausreichend mit Exportstatistiken oder Fernsehinterviews gegen die Anfeindungen der böse Wirklichkeit isoliert, mag man den Eindruck erwecken, dass es so wäre.

Mit einem könnte Christian Wulff dennoch recht behalten: Dass man ihn in einem Jahr bereits vergessen hat. Wenn die aufrechten Deutschen (m/w) sich auf eines verstehen, dann aufs zweckdienliche Vergessen, und im Fall ihres zukünftigen Ex-Bundespräsidenten mag es nicht einmal ein Jahr dauern, bis man sich an ihn mithilfe einer Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost erinnern muss; auf dass ihm alle guten Deutschen (m/w) dann den letzten Dienst erweisen und ihn hinten anlecken.

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