Bluthilde-Leserreise: Nord-Korea sehen und sterben

Posted on Oktober 25, 2012 von

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Für alte Linke, neue Linke und linke Linke

Von Nord-Korea lernen, heißt siegen lernen – und was könnte wichtiger für die Wiederherstellung der Widerstandskräfte sein, als Siegen? Bluthilde, das Magazin mit der einzig wahren Weltanschauung, hat weder Kosten noch Mühen gescheut und präsentiert die erste Bluthilde-Leserreise.

Wohin soll die Reise gehen, hat sich unser Kollektiv gefragt. Der Socialismo XXI in Venezuela hat sich als ein auf dem halben Weg zum Personenkult steckengebliebener Reformismus entpuppt, und scheint den Tourismus auch angesichts sprudelnder Ölquellen gar nicht nötig zu haben.

Die Islamische Republik Iran bietet zwar den sozialrevolutionären Furor, den alte Linke, neue Linke und andere Opfer von Wahnvorstellungen Menschen mit gefestigtem Klassenstandpunkt schätzen, betreibt ihren gesellschaftlichen Auftrag aber mit zuviel Unwissenschaftlichkeit und Aberglauben.

Und obwohl man im Volkseigenen Paradies, in Cuba, auch weiterhein die längsten Jahre seines Lebens schönsten Wochen des Jahres in einem Arbeitslager Feriendorf verbringen kann, ist Fidel Castro auch nicht mehr das, was er mal war.

Was wäre die Welt des sozialistischen Tourismus ohne Not- äh: Nord-Korea?

Das staatliche Reisebüro des Obersten Führers hat diese Markt- und Bewusstseinslücke bereits vor Jahren erkannt und arbeitet mit Hochdruck daran, diese Devisenquelle zu erschließen.

Mit einer der modernsten bewährtesten Propellermaschinen der Air Koryo reisen Sie von Berlin-Schönefeld nach Pjöngjang.

Keine Angst, liebe Klassenkämpfer: Der Kutscher kennt den Weg! Er weiß nicht nur, an welchen Flughäfen die Yak-Butter am süßesten duftet; er weiß vor allem, auf welchen Pisten die Notlandungen mit der Iljuchin Il-18 in der Regel halbwegs glimpflich verlaufen.

Auf dem Weg nach Pjöngjang unterhält sie das schicke Kabinenpersonal mit sozialistischem Liedgut in Landessprache, und auch das Rauchen ist auf allen Air Koryo Flügen noch immer gestattet (solange die Fluggäste dazu nicht dir Füllung aus den Sitzpolstern verwenden).

Alle, die einmal dabei waren, werden das Erlebnis eines Fluges mit Air Koryo für den Rest ihres Lebens nicht vergessen; wie es heißt, soll sich in Brüssel bereits eine Arbeitsgruppe gegründet haben, die nach nord-koreanischem Vorbild mehr antikapitalistisches “europäisches” Bewusstsein in die Flugpläne bringen soll.

An jene Flugkapitäne aber, die sich aller EU-Bewusstseinsarbeit zum Trotz noch immer eine Meinung über die einzigartige Qualität des staatlichen europäischen “Flugzeug”-Programms erlauben möchten, wird noch gesondert gedacht; womöglich nach dem Vorbild der italienischen Seismologen.

Kurz nach Ihrer Ankunft in Pjöngjang geht es heiter weiter.

Die volkseigenen Verkehrsbetriebe transportieren sie in komfortablen LKW direkt in das Penal Labour Camp 22, das in Insider-Kreisen bereits als heißer Kandidat für den Club Med gehandelt wird und schon dem Namen nach jenen werktätigen Labour-Stallgeruch verbreitet, den Klassenkämpfer_innen auf der ganzen Welt so schätzen.

Das Pjöngjang äh: Penal Labour Camp 22 ist ein zweckmäßig gestaltetes Ensemble aus freistehenden Pavillons mit Gleisanschluss und befindet sich abseits vom Großstadttrubel in völlig unberührter Natur.

Hier können Sie mit anderen Insass_innen Ihren Miturlaubern schnell und unkompliziert in Kontakt kommen; ein Elektrozaun und zehn wachsame, schwerbewaffnete Hundertschaften mit Lizenz zum finalen Rettungsschuss beschützen Sie vor der Konrerrevolution.

Ob nun beim guppendynamischen Abspritzen mit dem Wasserschlauch, das einmal in der Woche die Dusche ersetzt und die Ressourcen schont, oder beim mehrstündigen Zählappell vor der Austeilung der Gemeinschaftsverpflegung, die Ihnen serviert wird um Ihre Verdauung zu schonen – es ist alles auf dem besten internationalen Niveau der wissenschaftlichen Weltanschauung!

Doch vergessen wir auch in diesem Paradies des real-existierenden Sozialismus nicht, Genoss_innen und _außen, wofür wir da sind – für den Aufbau des Sozialismus, und das heißt dreierlei: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Gleich nach dem Zählappell, der selbstverständlich in Landessprache durchgeführt wird, haben Sie die Wahl, ob Sie Ihren Urlaubstag in der volkseigenen Metallwarenfabrik, auf den Reisfeldern oder in den Steinkohlebergwerken verbringen möchten – letzteres sei vor allem Genoss_innen mit empfindlicher Haut angeraten.

Beim Arbeiten Aufbau des Sozialismus kommen Sie ganz zwanglos mit weiteren Zwangsarbeitern Urlaubsgästen des Penal Labour Camp 22 ins Gespräch. Nun können Sie sich über wissenschaftliche Grenzgebiete, ausbeuterischen Aberglauben oder einfach nur extremistische Formen des Personenkults austauschen.

Aber vergessen Sie nicht, dass es sich bei ihren Miturlauber_innen um staatlich zertifizierte Asoziale handelt, die aus dem gesunden Volkskörper herausgelöst werden müssen, um ihn nicht mit ihrem schleichenden Gift zu infizieren!

Aus diesem Grund wendet sich unsere Leserreise auch an Sie: An Ihrem Wesen, liebe Leser_innen, soll auch hier die Welt genesen, denn was könnte auf diese klassenfeindlichen Elemente abschreckender resozialisierender wirken, als ein Besuch aus der Heimat der wissenschaftlichen Weltanschauung?

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