Gärtnerei für den Frühling der Völker

Posted on November 2, 2012 von

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Wo gestern noch ein Symbol der argentinischen Unabhängigkeit des kapitalistichen Tubostaates stand, erstreckt sich heute ökologisch korrekte Gärtnerei auf bestem internationalen Niveau: enthusiatsiche junge SchreberMenschen mit gefestigtem Klassenstandpunkt haben den Stadtpark von Buenos Aires in ein Gemüsebeet verwandelt.

Wo gestern noch die unschuldige autochthone Flora, Koniferen, Akazien, Jacarandien und Palos Borrachos, landschaftsgärtnerisch ausgebeutet wurden, um die Errungenschaften der argentinischen Bourgeoisie zu inszenieren, erstrecken sich heute „friedliche“ Gemüsebeete; Tomaten, Basilikum und Lorbeer-Pflanzungen, die das Herz aller Kleinbürger Kleingärtner mit gefestigtem Klassenstandpunkt schneller schlagen lassen dürften.

Befreit scheint auch die frühlingshafte Novembersonne auf die Iglo-Zelte, in denen die Aktivist_innen angeblich hausen, und auf ihre klimaneutralen Jack-Wolfskin-Jacken, die sie auf dem Gartenzaun zum Trocknen aufgehängt haben. Nein, die Ärmsten der Armen sind es nicht, die sich hier aus ihrem Elend gerettet hätten, indem sie ein kleines Stückchen Land in attraktiver Innenstadtlage in Eigeninitiative nutzungstechnisch umgewidmet haben, wie das vor Ort auch sonst sonst allgemein üblich ist.

Nein, es waren vielmehr jene Bürger_innenkinder, die den autochthonen Ärmsten der Armen ein paar ihrer Methoden abgekupfert haben, weil sie sich ihrem aufrechten populärem Kampf verbunden fühlen möchten, ohne dabei aus ihrer peripheren Position den Anschluss an die Fantome und opinions chiques Kampagnen und Ideologeme des globalen Zentrums verlieren zu wollen; die éducation sentimentale lässt grüßen.

Anfang der Woche hatte eine “asamblea popular de la zona”, eine Volksversammlung aus der Nachbarschaft, die außer sich selbst eigentlich niemand vor allem den gefestigten Klassenstandpunkt und die wissenschaftliche Weltanschauung repräsentiert, entschieden: Die zukünftigen Stützen der Gesellschaft, a.k.a. der eigene Nachwuchs, wird den Park dahingehend umgestalten, dass er dem ganzen Volke dient, hurrah!

Sofern sich dieses „ganze Volk“ für Tomaten, Basilikum und Lorbeer ebenso begistern kann, wie für die traditionellen Formen der Selbstinszenierung mit den Mitteln der Hortikultur gemäß Carlos Thays.

Wir haben die “politische” Initiative der argentinischen Genoss_innen in unserem Autor_innenkollektiv auch kontrovers diskutiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ihre an sich begrüßenswerte Initiative an einigen Stellen unseren Ansprüchen an den entwickelten Klasenstandpunkt nicht genügt.

Natürlich begrüßen wir jede „politische“ Initiative gegen den von der Mehrheit der Einwohner demokratisch gewählten im ganzen Volk verhassten Mauricio Macri, seine Partei und deren Strategie, den Park, der allen gehört, durch einen Gartenzaun vor Beschädigungen zu schützen dem Zugriff durch das ganze Volk zu entwinden und den Wohnwert der Zone für Spekulanten noch lukrativer zu machen, als er ohnehin schon ist.

Und wie die argentinischen Genoss_innen sehr richtig erkannt haben: Was allen gehört, gehört keinem. Und was niemand gehört, damit kann jede_r damit machen, was er oder sie will. Alle Versuche, einen demokratischen Ausgleich zwischen Individuum und Gesellschaft zu finden die freie Entfaltung der sozialistischen Persönlichkeit zu stören, gehören als konterrevolutionärer autoritärer Reformismus Scheiß denunziert und sanktioniert.

Aber: Selbst wenn wir uns – wie von dem sympathisch wirkenden jungen Genossen mit den Wuschelhaaren und den Zöpfchen im Interview mit dem Nachrichten-Kanal C5N Zentralorgan der Konterrevolution gewünscht – die Intervention gegen eine bürgerlich-extremistischen Stadtverwaltung wohlmeinend hinzudenken, genügt die Landwirtschaftsinitiative der Genoss_innen unseren revolutionären Ansprüchen leider nicht.

Die Eigenproduktion von Tomaten, Basilikum und Lorbeer allein wrd die Überwindung des falschen Ganzen nicht bewerkstelligen. Auch sind wir uns nicht ganz sicher, ob die Grundfläche von 10 Hektar genügen kann, um den Gemüsebedarf von 3 Millionen Einwohner_innen zu befriedigen. Es fehlt, schlicht gesagt, die Einbindung in eine überzeugende Gesamtstrategie, und so bleibt die gut gemeinte Gemüseinitiave eine isolierte Etappe im Frühling der Völker.

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