Die volkseigenen Kinder von Rotherham

Posted on November 27, 2012 von

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In einer politisch richtungsweisenden Entscheidung, die in der gesamten uffjeklärten Welt als leuchtendes Beispiel dastehen und Schule machen sollte, hat die Verwaltung der Gemeinde Rotherham, South Yorkshire, zwei Pflegeeltern das Sorgerecht entzogen, weil ihnen deren Parteizugehörigkeit nicht passte. Die Pflegeeltern gehören, wie es heißt, der UK Independent Party an, deren Programmatik sich kanntlich nur in den historischen Worten von Sir Arthur James, 1st Earl of Balfour KG, OM, PC, OMG, DL (etc. etc.) auf den Punkt bringen lässt: “Manches davon ist richtig und manches davon ist relevant. Aber was daran relevant ist, ist nicht richtig, und was richtig ist, ist nicht relevant.”

Wie die zuständige Rotherhamer Behörde sich auszudrücken wusste, hätte sie die Kinder niemals in diese Horrorfamilie gegeben, wenn sie von deren Parteizugehörigkeit gewusst hätte. Bei den Kindern handelt es sich um drei osteuropäische Waisen, für die der Staat die Vormundschaft übernommen hat. Das jüngste Kind soll inzwischen schon mehrfach “mum and dad” zu seinen “politisch” inakzeptablen Sorgeberechtigten gesagt haben. Wie eine besonders uffjeweckte Genoss_in hierzu bereits in der Daily Mail sehr richtig kommentierte: “Da muss aber etwas ganz furchtbar schief gegangen sein!”

Mum and dad. Dass derlei Sentimentalitäten mit unseren uffjeklärten volkseigenen Erziehungsidealen völlig unvereinbar sind, versteht sich von selbst, Genoss_innen und Genossen. Wenn schon einer “mum and dad” genannt werden muss, dann unser allwissender, allliebender Staat und dessen weise Führung! Trotz nervenaufreibender Recherchen konnte es unserem Autor_innenkollektiv bis zur Stunde nicht gelingen in Erfahrung zu bringen, welche weiteren niederträchtigen Attacken auf das Kindeswohl die Horroreltern von Rotherham bereits vollenden konnten, bevor ein mutiger Sachbearbeiter beherzt eingeschritten ist (die Vorhaut, die Vorhaut!).

Die Anzeige ist, wie es heißt, auf Anraten einiger wachsamer Genossen aus der Nachbarschaft zustande gekommen. Es ist bislang noch unklar, ob es die betroffenen Kinder_innen selbst gewesen sind, die ihre Pflegeeltern, vielleicht auf Anraten des Gemeinderates, ans Messer an die Justiz an die allmächtige Behörde ausgeliefert haben. Roger Stone, Labour, Vorsitzender des Rotherham Council, konnte derartige Gerüchte weder bestätigen noch widerlegen.

Bei den Pflegeeltern soll es sich um zwei über fünfzigjährige Personen unterschiedlichen Geschlechts gehandelt haben, die bereits zwölf Pflegschaften übernehmen durften. Dieses erschreckende Versagen der Organe des uffjeklärten Staates gehört dringend uffjeklärt, Genoss_innen und Genossen!

Vor allem ist der Verbleib dieser zwölf weiteren Kinder_innen tickenden Zeitbomben zu klären, damit sie resozialisiert werden können. Aber, liebe Genoss_innen und Genossen in England: Steckt diese vielleicht noch nicht hoffnungslos und unrettbar verlorenen Individuen nicht ins selbe Arbeitslager, Volkshochschule Umerziehungsinstitut, wie ihre perfiden Pflegeeltern! Wir empfehlen Penal Labour Camp 22 in Nord-Korea, und stellen gerne einen direkten Draht zum Kim Yong-eun oder seinem Reisebüro für Euch her – das ist praktizierte Solidariät, hurra!

Zudem soll es sich bei den beiden Pflegeeltern um ehemalige Labour-Wähler handeln. Nun stellt sich die Frage: Haben sie sich nur als aufrechte Labour-Genoss_innen inszeniert, um die Güte des Staates auszunutzen und sich Nachwuchs für ihre abscheulichen UKIP-Rituale zu erschleichen? Oder handelt es sich um triviale Labour-Apostaten, die in dieser Funktion von den progressiven Kräften bereits zum Feind geadelt worden sind, zumal Labour in ihnen den ungeliebten Zwilling des eigenen “politischen” Gedankens wiederkennen konnte? So, wie in Deutschland die SPD in ihrer “moderaten” Variante, der Schill-Partei, die ihr selbst unbewussten “politischen” Ideen wiederentdecken und bekämpfen wollte.

Wie dem auch sei. Wie es angehen konnte, dass die beiden Pflegeeltern beim zuständigen Jugendamt in “vorbildlichem” Ruf standen, ist uns auch nach stundenlangen Brainstormings unklar. Das deutet eine Konspiration in bisher ungeahnten Ausmaßen an; eigentlich müsste die gesamte Gemeindeverwaltung von Rotherham jetzt umgekrämpelt werden. Doch das Versagen der Gedankenpolizei progressiven VolksAufklärung ist selbst damit nicht zuende: Schockiert mussten wir feststellen, dass es sich bei dem Pflegevater zudem um einen pensionierten Aktivisten der imperialistischen Hetzflotte “Royal Navy” handeln soll. Dieses Individuum, das inzwischen von seiner Pension staatlichen Transferleistungen lebt, legitimiert sich und seine Biografie in der ehrenamtlichen “Arbeit” in einer Behindertenwerkstatt – da hört doch wohl alles auf!

Welch ein unvorstellbares Versagen der Behörden, Genoss_innen und Genossen! Jeder Staat, der es ernst mit sich meint, würde angesichts dieser Infiltration seines Gemeinwesens durch einen Agenten des Empireialismus,äh: Imperialsmus freiwillig seinen Hut nehmen und sich aus der internationalen Gemeinschaft verabschieden müssen. Weder Andrea Nahles noch Sarha Wagenknecht haben den Vorgang kommentiert. Wir würden jederzeit für ein Ticket nach Rotherham zusammenlegen, damit eine von den beiden, oder beide, bei den Briten mal tüchtig auf den Putz hauen kann; von wegen Battle of Britain, pah. Zeigt der lokalen SI-Filiale, wie man heute “Politik” macht, Genoss_innen!

Selbstverständlich ist das richtungsweisende Vorgehen der progressiven britischen Jugendbehörde in Rotherham von den reaktionären Medien des Klassenfeindes bereits vollumfänglich ausgeschlachtet worden. In einem beispiellosen Anfall von begrifflosem Denken schwadronierte MP Tim Loughton, Tory, ehemaliger Staatssekretär für Kinderschutz, von “mumbo jumbo” und “political correctness gone mad”. Wer hier wohl verrückt geworden ist, Mr Loughton, werden die Genoss_innen dereinst vielleicht einmal mit Ihnen persönlich klären können, wenn die Stunde des mumbo jumbos der “Gerechtigkeit” endlich gekommen ist!

Angesichts der ungeheuerlichen und haltlosen Vorwürfe in den Medien sah Joyce Thacker, die tapfere Leiterin der Jugendbehörde von Rotherham, sich zuletzt sogar gezwungen, ihre Entscheidung öffentlich zu begründen. Sie erinnerte an die “kulturellen und ethnischen Bedürfnisse” der Kinder_innen, der drei osteuropöischen Waisen. “Es gibt in der UKIP ein paar sehr entschiedene Ansichten und wir müssen an die Zukunft der Kinder denken. Wenn es der UKIP etwa darum geht, die aktive Propagierung des Multikulturalismus‘ zu stoppen, dann macht mich das nachdenklich. Diese Kinder sind nicht von hier. Und es ist auch nicht ihre Schuld, dass sie hier sind.” Das sind die mutigen Worte einer progressiven Genoss_in.

Joyce Thacker, leuchtendes Vorbild in volkseigenen Erziehungsfragen – wir werden eine Pionierbrigade nach Dir benennen! Witwen und Waisen voran. Denn: Wem gehören diese Kinder? Niemand, sie sind ja Waisen! Und was niemandem gehört, gehört somit allen – und deshalb kann mit diesen Kinder_innen jede_r machen, was er oder sie will. Allen voran Joyce Thacker, die offensichtlich denkt, sie habe die dazu erforderlichen juristischen Instrumente.

Immerhin ist es eine Mindestanforderung auch des britischen Jugendschutzes, dass Pflegeeltern “den ethnischen, religiösen, kulturellen und linguistischen Hintergrund” ihrer Pflegekinder “respektieren und bewahren”. Ob, und wenn ja inwieweit, diese Zielsetzung, insbesondere die Bewahrung des linguistischen Hintergrundes, die Erfolg versprechende Vergesellschaftung des Individuums erleichtert, ist allerdings auch in der progressiven Theorie weiterhin völlig unklar. Aber die Zukunft der Kinder_innen das kann auch nicht der Maßstab sein, an dem diese richtungsweisende Entscheidung des Rotherham Council gemessen werden muss, Genoss_innen und Genossen.

Für die Pflegeeltern war es übrigens unverschämterweise selbstverständlich, eine Sammlung mit osteuropäischen Märchen zu erstehen – angeblich, um den Waisen daraus vorzulesen. Wie aus dem Umfeld der Rotherhamer Behörde verlautete, sehe man zwischen den osteuropäischen Waisen und ihren politisch inakzeptablen Pflegeeltern dennoch keinen “cultural match”. Der perfide Versuch der empire- äh: imperialistischen Horroreltern von Rotherham, sich im Kostüm des leutseligen Märchenonkels ins Bewusstsein dieser unschuldigen Waisen einzuschmeicheln, konnte also gerade noch rechtzeitig abgewendet werden.